Am stillen Fluß

Geschrieben von Fraro (fraro) am 19.12.2004
Am stillen Fluß >>


Gestern Abend war ich zu Besuch bei meinen Eltern. Die Strecke  beträgt normalerweise so etwa 11 Km über die Bundesstraße. Gegen 23:00  Uhr habe ich mich auf die Fazer geschwungen und auf den Heimweg  gemacht. Ich hatte gerade die Ortschaft durchquert und wollte eben in  das Wohngebiet abbiegen, in welchem ich zuhause bin, da hörte ich eine  tiefe, sonore Stimme: "Nein. Nicht abbiegen." Ganz leise war die  Stimme; sie hatte einen unverkennbaren japanischen Einschlag. Ich sah  mich um, doch ich war weit und breit ganz allein. Ich hatte gerade den  Blinker gesetzt, da ertönte die tiefe Stimme wieder: "Nicht nach Hause  fahlen." Ich war irritiert. "Meinst Du mich? Wer spricht den da?" –  "Hiel splicht Dein Motollad." - "Hä? Mein Motorrad spricht zu mir? Was  willst denn Du?" – "Mein Motol ist gelade walm gefahlen, kannst Du die  leine, pule Klaft und Dlehfleude nicht spülen? Ich möchte jetzt noch  nicht in die Galage und den Lest del Nacht wiedel auskühlen." Ich muß  zugeben, die leicht rauhe, aber volltönende Stimme war nicht  unangenehm, jagte mir aber leichte Schauer über den Rücken. "Aber wo  willst Du denn jetzt noch hin?", wandte ich ein, "Es ist gleich  Mitternacht! Heute am Karfreitag hat eh nichts auf." – "Wil müssen  nilgendwo ankommen," entgegnete die Stimme, "will können einfach noch  ein wenig geladeaus fahlen und die elste milde Nacht im Flühjahl  genießen. Bitte stell' mich noch nicht ab."

Nachdenklich  drückte ich auf den Knopf, der den Blinker wieder ausschaltete.  Eigentlich hatte meine Fazer vollkommen recht. Warum schon nach Hause  fahren? Die Nacht war nicht unangenehm, zu Hause wartet sowieso keiner,  und die Aussicht auf ein kurzes Intermezzo am PC und dann Schlafengehen  war nicht besonders verlockend. "Du hast recht! stimmte ich meinem  Untersatz zu, "laß uns noch ein wenig ausreiten!" Hörte ich da nicht so  ein tiefes, befriedigtes Brummen aus der Gegend des Luftfilterkastens,  so als ob jemand mit 600 ccm großen Lungen tief und befriedigt Luft  holt?

Zuerst drehten wir eine kleine Runde durch die  Kreisstadt. Die Straßen waren völlig verlassen, alles wirkte irgendwie  unwirklich. Auf der Straße, auf der ich jeden Morgen im Stau des  Berufverkehrs stehe, herrschte gähnende Leere. Keine verdrossenen  Mitbürger, die sich übelgelaunt an ihr Tagwerk schleppen. Stattdessen  sah ich –was mir noch nie aufgefallen war- zwischen den Straßenbäumen  viele Büschel Osterglocken und ein paar verspätete Krokusse im milden  Scheinwerferlicht aufblitzen. Ich schwenkte ein auf die einsame Strecke  durch das Teufelsmoor. Am Wochenende eine Rennstrecke für  durchgeknallte Autofahrer und suizidgefährdete Biker. Aber jetzt war  alles still. Ich hörte nur das Rauschen des Windes und das sonore  Brummen des Reihenvierzylinders. Zwischenduch spürte ich einen  bekannten Druck in der Leistengegend, und hielt auf freier Strecke  irgendwo an, um mir Erleichterung zu verschaffen. Ich schaltete den  Motor ab, um die Nacht zu Wort kommen zu lassen. Ich rauchte noch eine  einsame Zigarette. Das Glühen des verbrennenden Tabaks war die einzige  Beleuchtung weit und breit. Ich hörte das leise Knistern abkühlenden  Metalls. Irgendwo von weit her hörte ich ein dunkles Rufen, "Hu. Huuu."  Wahrscheinlich eine Eulendame, die ihr Gelege wärmt und ihrem Gatten  Beine macht, damit er Mäuse heranschafft. Vielleicht aber auch die  Liebeserklärung eines Eulenmannes an seine langjährige Gefährtin, mit  welcher er sich gemeinsam noch einige ruhige Nächte macht, bevor das  anstrengende Brutgeschäft beginnt. Langsam gewöhnen sich meine Augen an  die Dunkelheit. Dicht neben mir hoppelt ein verschlafenes Kaninchen  vorüber. Es scheint mich und mein stählernes Roß nicht bemerkt zu  haben, es kommt ganz dicht vorüber, erschreckt plötzlich, klopft heftig  auf den Boden und verschwindet dann panisch in der Dunkelheit. In der  Ferne streiten sich zwei Kater lautstark um die Gunst einer Katzendame.

Ich setze mich wieder auf die Maschine, und nach einem kurzen  Druck auf's Knöpfchen erwachen 95 Pferde mit dumpfem Fauchen zu neuem  Leben. Wir reiten jetzt scharf an, ziehen eine saubere Linie durch die  leicht kurvige Landschaft. Warum wirkt alles so anders, als am Tag?  Diese Strecke bin ich doch schon so oft gefahren, und trotzdem kommt  sie mir so fremd vor. Der orangefarbene Himmel am Horizont deutet auf  die Betriebsamkeit der nahen Großstadt hin. Bremens Gruß an den  Nachthimmel. Ganz automatisch schwenke ich auf den Weg ein, der mich  täglich zur Arbeit führt.

Immer noch ist kein Mensch auf der  Straße. Nur ein einsamer Fuchs schnürt eifrig über den Weg. Er kann  ganz sicher sein, dass ihm heute keine Gefahr droht, den die Strecke  liegt völlig verlassen da. Über einer nahen Wiese üben sich einige  Fledermäuse im Kunstflug. Gegen die Beleuchtung durch die Stadt kann  ich sie ganz deutlich erkennen. Sie sind eben aus dem Winterschlaf  erwacht und dehnen ihre noch müden Knochen und trainieren die  erschlaffte Muskulatur. Sie sind noch etwas steif von der langen  Winternacht, aber schon fliegen sie in aberwitzigen Manövern durch die  Bäume und Hecken am Wegesrand.




Ich fahre am Hafen entlang auf den Fluß zu. An einer Stelle, die  tagsüber von allerlei Volk belebt wird, halte ich erneut an. Keine  Seele ist zu sehen, der mächtige Strom liegt verlassen da. Leise  rauschend zieht er unaufhaltsam seine Bahn dem nahen Meere zu. Er liegt  ganz still da, kaum ein Laut ist zu vernehmen. Und doch ahne ich die  Kraft, die Urgewalt, die in ihm wohnt. Er trägt riesige Lasten und ist  doch so ruhig. der größte, imponierendste Ozeanriese mit all seiner  Technik und seinen gewaltigen Maschinen kann ihm doch nichts  entgegensetzen, wenn der Fluß einen schlechten Tag hat. Sie kann bockig  sein, die alte Weser. Jetzt liegt sie so friedlich vor mir, doch vor  kaum zwei Wochen hat sie noch versucht, ihre Ketten zu sprengen, die  Dämme niederzureißen und sich der umliegenden Ortschaften zu  bemächtigen. Ich stand in jener Nacht, gar nicht weit von hier, auf  einem Pier- und der brüllende, vom Sturm aufgepeitschte Fluß schnappte  nach mir und versuchte, mich mit sich zu reißen. Der über 6.000 Tonnen  schwere Tanker, den ich in jener Nacht besuchte, wagte es nicht, sich  dem wütenden Strom entgegenzustellen und verbrachte die Nacht lieber im  schützenden Hafen. Jetzt schweigt sie, meine gute alte Weser. In Ihrer  grenzenlosen Wut hat sie sich durch ihr Toben und Brüllen völlig erausgabt. 

Ich schaue über das spiegelglatte Wasser und  schnippe meine heruntergerauchte Zigarettenkippe in das schwarze  Wasser, wo sie unter leisem Zischen verlöscht. Es gurgelt kurz und  empört, als wolle der Fluß sich beschweren, dass ich ihn, der lange vor  mir hier war, und der sich immer noch den Nordsee zuwindet, wenn ich  längst vergessen bin, einfach als Aschenbecher missbrauche. Mich  schaudert's ein wenig. Schnell setze ich den Helm wieder auf und sporne  meine Fazer an. Wir reiten weiter auf die Stadt zu.

Immer noch  sind wir ganz allein auf der Straße, obwohl wir jetzt fast im Zentrum  sind. Müde Ampeln regeln nur aus alter Gewohnheit einen Verkehr, der  heute Nacht doch nicht stattfindet. In weitem Bogen durchquere ich die  Innenstadt und halte dann wieder auf den Hafen zu. Den Hafen, den ich  so gut kenne wie meine engsten Freund und meinen erbittertsten Feind.  Den ich in 15 Berufsjahren schon so verflucht habe und der mich doch immer wieder aufs neue in seinen Bann zieht. 


Den ich so liebe und gleichzeitig so abgrundtief hasse. Im Gegenlicht  erkenne ich die Silhouette der Frachter, der Giganten des Ozeans, der  Herren der Meere- die doch nur Sklaven des Elements sind, das sie  hervorgebracht hat. Von weither ertönt ein Horn. Zwei kurze Stöße mit  dem Typhoon- da legt ein Frachtschiff ab, um ferne Gestade anzusteuern.  Wohin mag die Reise gehen? Amerika? Hong Kong? Shanghai? Brasilien?  Afrika? Oder doch nur ein kurzer Trip nach Rotterdam? Ich weiß es  nicht, aber der Gedanke hält mich gefangen. Ich wundere mich ein wenig  über mich selbst. Ich habe schon so viele, ungezählte Schiffe ablegen  sehen. Einige kommen immer wieder und andere verschwinden aus meinem  Leben, haben mich längst vergessen. Kapitäne, die kamen und gingen. Ein  Teil ihrer Leben bin ich gewesen, für eine kurze Zeit der wichtigste  Mensch für sie. Ich habe Ärtze besorgt, Schlepper, Lotsen, Festmacher,  Tabak, Blumen für die Frau, Flüge um die ganze Welt für Seeleute auf  Heimaturlaub, Pornofilme, Proviant, habe Formulare und Papierkram  übernommen, mich mit Behörden gezankt und Frieden gestiftet. Oh, ich  kenne Euch noch alle, Ihr Mastandreous, Knoops, van der Pols, Loos,  Smiths, Jones' und Xi Lings. Auch wenn ihr Euch nicht an den Agenten  aus Bremen erinnert. Oder die Ihr nicht wiederkehrt, wie Jan Juvik, der  Norweger*. 

Ein kalter Windstoß holt mich in die  Wirklichkeit zurück. Wieder steige ich in den Sattel und reite durch  die verwaiste Stadt. Langsam führt mich meine Maschine wieder gen  Heimat. Noch einmal durchqueren wir die einsame Tiefebene.

Ich  frage meine Fazer, ob ihr der Ausritt gefallen hat. "Humm-Humm!"  bestätigt sie, "Das wal es doch welt, odel?" Ich stimme ihr zu. Wir  zirkeln langsam in Ihren Unterstand hinein. War da nicht ein  befriedigtes Seufzen, als ich endlich den Motor abstellte?

Fraro

 

 

*Jan war ein norwegischer Kapitän. Am 19. Januar streifte sein Schiff "ROCKNES" ein Unterwasserhindernis und schlug leck. Binnen weniger Minuten kenterte das Schiff vor der Küste Bergens. 18 der 30 Besatzungsmitglieder verloren ihr Leben. Unter ihnen auch ihr Kapitän.

Zuletzt angepasst 03.12.2017 um 10:46

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