Am stillen Fluß |
| Geschrieben von Fraro (fraro) am 20.12.2004 |
Gestern Abend war ich zu Besuch bei meinen Eltern. Die Strecke beträgt normalerweise so etwa 11 Km über die Bundesstraße. Gegen 23:00 Uhr habe ich mich auf die Fazer geschwungen und auf den Heimweg gemacht. Ich hatte gerade die Ortschaft durchquert und wollte eben in das Wohngebiet abbiegen, in welchem ich zuhause bin, da hörte ich eine tiefe, sonore Stimme: "Nein. Nicht abbiegen." Ganz leise war die Stimme; sie hatte einen unverkennbaren japanischen Einschlag. Ich sah mich um, doch ich war weit und breit ganz allein. Ich hatte gerade den Blinker gesetzt, da ertönte die tiefe Stimme wieder: "Nicht nach Hause fahlen." Ich war irritiert. "Meinst Du mich? Wer spricht den da?" – "Hiel splicht Dein Motollad." - "Hä? Mein Motorrad spricht zu mir? Was willst denn Du?" – "Mein Motol ist gelade walm gefahlen, kannst Du die leine, pule Klaft und Dlehfleude nicht spülen? Ich möchte jetzt noch nicht in die Galage und den Lest del Nacht wiedel auskühlen." Ich muß zugeben, die leicht rauhe, aber volltönende Stimme war nicht unangenehm, jagte mir aber leichte Schauer über den Rücken. "Aber wo willst Du denn jetzt noch hin?", wandte ich ein, "Es ist gleich Mitternacht! Heute am Karfreitag hat eh nichts auf." – "Wil müssen nilgendwo ankommen," entgegnete die Stimme, "will können einfach noch ein wenig geladeaus fahlen und die elste milde Nacht im Flühjahl genießen. Bitte stell' mich noch nicht ab."
Nachdenklich drückte ich auf den Knopf, der den Blinker wieder ausschaltete. Eigentlich hatte meine Fazer vollkommen recht. Warum schon nach Hause fahren? Die Nacht war nicht unangenehm, zu Hause wartet sowieso keiner, und die Aussicht auf ein kurzes Intermezzo am PC und dann Schlafengehen war nicht besonders verlockend. "Du hast recht! stimmte ich meinem Untersatz zu, "laß uns noch ein wenig ausreiten!" Hörte ich da nicht so ein tiefes, befriedigtes Brummen aus der Gegend des Luftfilterkastens, so als ob jemand mit 600 ccm großen Lungen tief und befriedigt Luft holt?

Zuerst drehten wir eine kleine Runde durch die Kreisstadt. Die Straßen waren völlig verlassen, alles wirkte irgendwie unwirklich. Auf der Straße, auf der ich jeden Morgen im Stau des Berufverkehrs stehe, herrschte gähnende Leere. Keine verdrossenen Mitbürger, die sich übelgelaunt an ihr Tagwerk schleppen. Stattdessen sah ich –was mir noch nie aufgefallen war- zwischen den Straßenbäumen viele Büschel Osterglocken und ein paar verspätete Krokusse im milden Scheinwerferlicht aufblitzen. Ich schwenkte ein auf die einsame Strecke durch das Teufelsmoor. Am Wochenende eine Rennstrecke für durchgeknallte Autofahrer und suizidgefährdete Biker. Aber jetzt war alles still. Ich hörte nur das Rauschen des Windes und das sonore Brummen des Reihenvierzylinders. Zwischenduch spürte ich einen bekannten Druck in der Leistengegend, und hielt auf freier Strecke irgendwo an, um mir Erleichterung zu verschaffen. Ich schaltete den Motor ab, um die Nacht zu Wort kommen zu lassen. Ich rauchte noch eine einsame Zigarette. Das Glühen des verbrennenden Tabaks war die einzige Beleuchtung weit und breit. Ich hörte das leise Knistern abkühlenden Metalls. Irgendwo von weit her hörte ich ein dunkles Rufen, "Hu. Huuu." Wahrscheinlich eine Eulendame, die ihr Gelege wärmt und ihrem Gatten Beine macht, damit er Mäuse heranschafft. Vielleicht aber auch die Liebeserklärung eines Eulenmannes an seine langjährige Gefährtin, mit welcher er sich gemeinsam noch einige ruhige Nächte macht, bevor das anstrengende Brutgeschäft beginnt. Langsam gewöhnen sich meine Augen an die Dunkelheit. Dicht neben mir hoppelt ein verschlafenes Kaninchen vorüber. Es scheint mich und mein stählernes Roß nicht bemerkt zu haben, es kommt ganz dicht vorüber, erschreckt plötzlich, klopft heftig auf den Boden und verschwindet dann panisch in der Dunkelheit. In der Ferne streiten sich zwei Kater lautstark um die Gunst einer Katzendame.
Ich setze mich wieder auf die Maschine, und nach einem kurzen Druck auf's Knöpfchen erwachen 95 Pferde mit dumpfem Fauchen zu neuem Leben. Wir reiten jetzt scharf an, ziehen eine saubere Linie durch die leicht kurvige Landschaft. Warum wirkt alles so anders, als am Tag? Diese Strecke bin ich doch schon so oft gefahren, und trotzdem kommt sie mir so fremd vor. Der orangefarbene Himmel am Horizont deutet auf die Betriebsamkeit der nahen Großstadt hin. Bremens Gruß an den Nachthimmel. Ganz automatisch schwenke ich auf den Weg ein, der mich täglich zur Arbeit führt.
Immer noch ist kein Mensch auf der Straße. Nur ein einsamer Fuchs schnürt eifrig über den Weg. Er kann ganz sicher sein, dass ihm heute keine Gefahr droht, den die Strecke liegt völlig verlassen da. Über einer nahen Wiese üben sich einige Fledermäuse im Kunstflug. Gegen die Beleuchtung durch die Stadt kann ich sie ganz deutlich erkennen. Sie sind eben aus dem Winterschlaf erwacht und dehnen ihre noch müden Knochen und trainieren die erschlaffte Muskulatur. Sie sind noch etwas steif von der langen Winternacht, aber schon fliegen sie in aberwitzigen Manövern durch die Bäume und Hecken am Wegesrand.
Ich fahre am Hafen entlang auf den Fluß zu. An einer Stelle, die tagsüber von allerlei Volk belebt wird, halte ich erneut an. Keine Seele ist zu sehen, der mächtige Strom liegt verlassen da. Leise rauschend zieht er unaufhaltsam seine Bahn dem nahen Meere zu. Er liegt ganz still da, kaum ein Laut ist zu vernehmen. Und doch ahne ich die Kraft, die Urgewalt, die in ihm wohnt. Er trägt riesige Lasten und ist doch so ruhig. der größte, imponierendste Ozeanriese mit all seiner Technik und seinen gewaltigen Maschinen kann ihm doch nichts entgegensetzen, wenn der Fluß einen schlechten Tag hat. Sie kann bockig sein, die alte Weser. Jetzt liegt sie so friedlich vor mir, doch vor kaum zwei Wochen hat sie noch versucht, ihre Ketten zu sprengen, die Dämme niederzureißen und sich der umliegenden Ortschaften zu bemächtigen. Ich stand in jener Nacht, gar nicht weit von hier, auf einem Pier- und der brüllende, vom Sturm aufgepeitschte Fluß schnappte nach mir und versuchte, mich mit sich zu reißen. Der über 6.000 Tonnen schwere Tanker, den ich in jener Nacht besuchte, wagte es nicht, sich dem wütenden Strom entgegenzustellen und verbrachte die Nacht lieber im schützenden Hafen. Jetzt schweigt sie, meine gute alte Weser. In Ihrer grenzenlosen Wut hat sie sich durch ihr Toben und Brüllen völlig erausgabt.
Ich schaue über das spiegelglatte Wasser und schnippe meine heruntergerauchte Zigarettenkippe in das schwarze Wasser, wo sie unter leisem Zischen verlöscht. Es gurgelt kurz und empört, als wolle der Fluß sich beschweren, dass ich ihn, der lange vor mir hier war, und der sich immer noch den Nordsee zuwindet, wenn ich längst vergessen bin, einfach als Aschenbecher missbrauche. Mich schaudert's ein wenig. Schnell setze ich den Helm wieder auf und sporne meine Fazer an. Wir reiten weiter auf die Stadt zu.
Immer noch sind wir ganz allein auf der Straße, obwohl wir jetzt fast im Zentrum sind. Müde Ampeln regeln nur aus alter Gewohnheit einen Verkehr, der heute Nacht doch nicht stattfindet. In weitem Bogen durchquere ich die Innenstadt und halte dann wieder auf den Hafen zu. Den Hafen, den ich so gut kenne wie meine engsten Freund und meinen erbittertsten Feind. Den ich in 15 Berufsjahren schon so verflucht habe und der mich doch immer wieder aufs neue in seinen Bann zieht.
Den ich so liebe und gleichzeitig so abgrundtief hasse. Im Gegenlicht erkenne ich die Silhouette der Frachter, der Giganten des Ozeans, der Herren der Meere- die doch nur Sklaven des Elements sind, das sie hervorgebracht hat. Von weither ertönt ein Horn. Zwei kurze Stöße mit dem Typhoon- da legt ein Frachtschiff ab, um ferne Gestade anzusteuern. Wohin mag die Reise gehen? Amerika? Hong Kong? Shanghai? Brasilien? Afrika? Oder doch nur ein kurzer Trip nach Rotterdam? Ich weiß es nicht, aber der Gedanke hält mich gefangen. Ich wundere mich ein wenig über mich selbst. Ich habe schon so viele, ungezählte Schiffe ablegen sehen. Einige kommen immer wieder und andere verschwinden aus meinem Leben, haben mich längst vergessen. Kapitäne, die kamen und gingen. Ein Teil ihrer Leben bin ich gewesen, für eine kurze Zeit der wichtigste Mensch für sie. Ich habe Ärtze besorgt, Schlepper, Lotsen, Festmacher, Tabak, Blumen für die Frau, Flüge um die ganze Welt für Seeleute auf Heimaturlaub, Pornofilme, Proviant, habe Formulare und Papierkram übernommen, mich mit Behörden gezankt und Frieden gestiftet. Oh, ich kenne Euch noch alle, Ihr Mastandreous, Knoops, van der Pols, Loos, Smiths, Jones' und Xi Lings. Auch wenn ihr Euch nicht an den Agenten aus Bremen erinnert. Oder die Ihr nicht wiederkehrt, wie Jan Juvik, der Norweger*.
Ein kalter Windstoß holt mich in die Wirklichkeit zurück. Wieder steige ich in den Sattel und reite durch die verwaiste Stadt. Langsam führt mich meine Maschine wieder gen Heimat. Noch einmal durchqueren wir die einsame Tiefebene.
Ich frage meine Fazer, ob ihr der Ausritt gefallen hat. "Humm-Humm!" bestätigt sie, "Das wal es doch welt, odel?" Ich stimme ihr zu. Wir zirkeln langsam in Ihren Unterstand hinein. War da nicht ein befriedigtes Seufzen, als ich endlich den Motor abstellte?
Fraro
*Jan war ein norwegischer Kapitän. Am 19. Januar streifte sein Schiff "ROCKNES" ein Unterwasserhindernis und schlug leck. Binnen weniger Minuten kenterte das Schiff vor der Küste Bergens. 18 der 30 Besatzungsmitglieder verloren ihr Leben. Unter ihnen auch ihr Kapitän.
Zuletzt angepasst 07.07.2010 um 13:16
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