Die Front

Geschrieben von Fraro (fraro) am 19.01.2009
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Wenn das Motorradfahren Angst macht...

Es ist spät am Abend. Du kehrst von einer langen Reise mit dem Motorrad heim, befindest Dich auf den letzten Kilometern. Gestern hast Du 500 Km gefressen, nur angehalten zum Tanken. Eine schnelle Zigarette, und weiter. Du hast noch weitere 500 Km vor Dir, und verbringst die Nacht bei einem Freund. Am nächsten Morgen wirfst Du einen Blick aus dem Fenster. Dicke Tropfen prasseln gegen die Scheibe. Deine Klamotten sind noch feucht, die Nacht hat ihnen das Wasser nicht entziehen können. Du erschauerst. Eigentlich möchtest Du einen Tag wie diesen mit einer Tasse Tee und einem guten Video auf dem Sofa verbringen. Wolltest Du nicht schon lange mal wieder die drei Teile des "Paten" am Stück angucken? So ein Tag ist wie geschaffen dafür, aber Du musst noch weiter.

Leicht missmutig schleppst Du Dein Gepäck nach unten zur Maschine. Koffer anhängen. Gepäckrolle verzurren. Wo hattest Du gestern noch mal den Campingstuhl verstaut? Achja, irgendwie muß der noch mit unter die Spanngummis. Tankrucksack rauf. Rein in die klamme Regenkombi. Zündschlüssel suchen. Toll, die hast Du ja in der Hosentasche. Kombi wieder auffummeln. Warum nur verklemmt sich immer der Futterstoff in dem elend langen Reißverschluß? Jacke auf. Schlüssel mit schon klammen Fingern aus der Tasche fummeln. Jacke wieder zu, dann noch einmal der K(r)ampf mit dem Reißverschluß. Herrgott, wo klemmt's denn jetzt schon wieder? Endlich bist Du verpackt. Nun noch mit nassen Pfoten in die engen Lederhandschuhe. Als Du schließlich in der (hoffentlich) wasserdichten Pelle steckst, wirfst Du einen zweifelnden Blick auf Deine feuerrote Begleiterin. Wie sollst Du denn jetzt auf die Sitzbank kommen? Du hast frappierende Ähnlichkeit mit dem Michelin-Männchen und bist ungefähr so beweglich wie ein Walroß im Fitneßstudio. Aber es ist noch immer gegangen, und auch diesmal nimmst Du nach kurzem Kampf mit der Rüstung im Sattel platz.

Langsam und leise hustend rollt Dein Motorrad mit Dir den engen Weg entlang zur Straße hin, die Dich zur Autobahn führt. Ein Winken zum Abschied, dann bist Du um die Ecke. Es regnet immer noch ohne Pause. Endlich auf der Autobahn spulst Du mit der erkälteten Maschine Kilometer um Kilometer ab. Endlos reiht sich Minute an Minute, Stunde an Stunde, während sich das nasse Asphaltband unter Dir dahinwindet. Das Visier ist leicht beschlagen. Feuchtigkeit kriecht den Hals entlang in den Kragen. Klamme Tropfen treffen Deine Haut. Selbst innen im Helm macht sich ungemütliche Kälte breit.

Schon näherst Du Dich Kassel. Rauchende LKW quälen sich die steilen Berge hoch. Missmutige Autofahrer starren durch Nasse Scheiben zum Horizont. "Willkommen in Niedersachsen!" verhöhnt Dich eine große weiße Tafel am Wegesrand. Zum 1.000sten Mal stellst Du Dir die Frage, warum Du Dir das hier immer wieder antust. Ist es Masochismus? Du findest keine Antwort auf diese Frage. Und schlimmer noch: Du weißt, dass Du es immer wieder tun wirst...

      

Doch da: In der Ferne wird das Grau heller! Läßt nicht tatsächlich das Wüten des Regens ein wenig nach? Wieder wischt Deine linke Hand die feinen Tropfen, die von den Lastwagen aufgewirbelt werden, vom Visier: Jawohl! Es hört auf zu regnen! Erschöpft legst Du eine Rast ein, drehst Dir mit klammen Fingern eine Zigarette auf dem nächsten Parkplatz. Dann weiter, schnell passierst Du Hannover, schon kommt das Walsroder Dreieck in Sicht. Du passierst das braune Schild , welches Dich darüber informiert, dass Du gerade die Lüneburger Heide durchfährst.

Der Regen hat aufgehört, der Himmel ist hell geworden. Also die Kombi unter den Sitz gestopft und endlich in luftigerer Kleidung aufsitzen und losfahren.

Endlich auf der A 27 Richtung Bremen. Der Rest ist nur noch Formsache, in eineinhalb Stunden bist Du zuhause. Du versinkst in Gedanken, bist nicht mehr konzentriert. Was war denn das für ein rötliches Blitzen? Ein schneller Blick auf den Tacho, doch mit die schwer beladene Maschine erlaubt eh keine Experimente mit dem Tempo. Außerdem gibt es hier keine Geschwindigkeitsbegrenzung. War es vielleicht doch nur Einbildung? Dein Großhirn will sich gerade wieder zurückziehen, da bemerkst Du das Blitzen erneut. Es kam aus der Ferne. Erschreckt bemerkst Du, das sich genau in Fahrtrichtung eine schwere, pechschwarze Wolkenwand aufgebaut hat. Schnell wird es nun dunkler. Wieder das rote Leuchten, diesmal hast Du es ganz genau gesehen: In der schwarzen, kilometerhohen Wand zucken Blitze hin und her. Ach Du Scheiße, das hat Dir gerade noch gefehlt.

      

Aber das Gewitter ist noch weit, weit weg- vielleicht reicht es noch bis nach Hause? Du gibst gerade soviel Gas, dass die Fuhre nicht pendelt. Aber bei aller Vorsicht: Mehr als 160 sind nicht drin. Verflucht, die Wand kommt aber schnell näher! Du siehst ein, dass Du keine Chance hast, das Gewitter wird Dich voll erwischen. Also doch wieder die Regenkombi? Nein, lieber schnell weiter, denn in ca. 40 Km Entfernung kommt eine Tankstelle. Weiter, weiter, bitte laß das Gewitter noch eine Viertelstunde warten! Oder noch 10 Minuten! Bitte bitte! Schon treffen Dich die ersten schweren Tropfen. Laut klatschen sie gegen den Helm. Mein Gott, noch immer 35 Kilometer! Außer Dir sind nur noch ein paar Lastwagen auf der Straße. Nicht gucken, bloß weiter, weiter, weiter!

Jetzt bricht die Hölle los. Der Himmel öffnet seine Schleusen. Dicke Tropfen treffen Dich am ganzen Körper. Du fühlst anfangs noch jeden Einschlag der kleinen Bomben, bis sie Dich schließlich fest im Griff haben. Die Sicht geht runter auf fast Null, trotzdem gehst Du kaum vom Gas. Wischen mit dem Handschuh? Zwecklos. Aber wenigstens die Biltze entladen sich in einiger Entfernung. Dann, ganz überraschend, schlägt ein Blitz irgendwo in einen Baum in der Nähe ein. Du bist fast geblendet, und trotz des hohen Tempos und des donnernden Regens fährt die das Krachen durch Mark und Bein. Oh Gott, das Gewitter hat Dich voll im Griff! Du suchst verzweifelt nach einem Ausweg. Parkplatz? Keine Chance. Man hat Dir schon als Kind eingetrichtert, dass Du Dich von Bäumen fernhalten sollst. Unter einer Brücke anhalten? Da wird Dich der Blitz auch erwischen, außerdem sind immer noch einige LKW unterwegs, die Dich gewiß nicht sehen können in Deinen schwarzen Klamotten bei diesem Wetter.

Also weiter, weiter, weiter.      


Noch 20 Km bis zur rettenden Raststätte. Was ist eigentlich besser? Schnell fahren oder langsam? Wann wird Dich der Blitz eher erwischen? Aua! Was zum Teufel ist das? Der Regen geht in Hagel über. Schmerzhaft spürst Du die Einschläge am ganzen Körper. Laut knallend treffen die Eisbrocken Deinen Helm. Da vorne, rotes Licht. Wieder ein LKW. Jetzt vom Gas, am fast unsichtbaren Laster vorbei, wieder beschleunigen. Vielleicht auf einen Parkplatz und einen Autofahrer oder Trucker um Unterschlupf bitten? Das Auto bildet doch einen Faraday'schen Käfig, dort kann Dich der Blitz nicht erschlagen. Doch Du weißt, dass Dir keiner Unterschlupf gewähren wird, klatschnaß wie Du bist. Angst steigt in Dir hoch. Wieviele Gewitter hast Du schon zuhause vom Balkon beobachtet, fasziniert von der Schönheit und Gewalt der Wettererscheinung? Hast Deine Freundin leicht belächelt, wie sie bei jedem Donnern zusammenzuckt? Ja, mit einer dampfenden Tasse Tee in der Hand im warmen Wohnzimmer lässt sich so ein Naturschauspiel prächtig genießen. Vielleicht die nächste Ausfahrt raus und eine Kneipe suchen? Wie weit ist es noch bis zur Raststätte? 10 Kilometer.

Also weiter, weiter, weiter.

Nur hin. Die Angst schnürt Dir die Kehle zu. Gerade als Du Dir die Schlagzeilen ausmalst "Verrückter Motorradfahrer auf Autobahn vom Blitz erschlagen!" kommt der dramatische Höhepunkt: Die Bäume sind inzwischen der weiten Ebene gewichen. Von ein paar Häusern abgesehen bist Du weit und breit die höchste Erhebung, und Du sitzt in klatschnassen Sachen auf 215 Kilo Metall, bist durch die tiefen Pfützen und das Wasser in Deiner Kleidung prächtig geerdet. Die Blitze kommen inzwischen in so rascher Reihenfolge, dass Du trotz der Dunkelheit problemlos Zeitung lesen könntest. Dein Herz schlägt rasend schnell, Deine Furcht verwandelt sich ganz allmählich in Panik. Mit einem Mal wird es taghell. Blauweißes Licht blendet Dich, dass Du einen Moment orientierungslos wirst. Der Blitz ist in eine Antenne oder einen Mast eingeschlagen, keine 500 Meter von Dir entfernt. Du hast die Hitze der Ladung im Gesicht gespürt, das "BA-RAHUMMM!" macht Dich fast taub. Gleich darauf die nächsten Einschläge, diesmal auf der anderen Seite. Scheiße, Scheiße, Scheiße, warum bist Du vorhin nicht abgefahren?! Ein Schild taucht auf: Raststätte Langwedel - 5 Km.


Und Du rast wie von Sinnen weiter, weiter, weiter...

Halbtot vor Schreck reißt Du den Gasgriff weiter auf. Dein fahrbarer Untersatz schüttelt sich, als versuche er, Dich abzuwerfen. Das Pendeln wird immer schlimmer, es interessiert Dich nicht. Jeder Blitzschlag trifft Dich mittlerweile wie ein Messerstich, jedes Donnern verstärkt das würgende Gefühl der Angst und Ohnmacht noch um ein paar Grad. Wie ein Geisteskranker schleuderst Du die Abfahrt zur Raststätte entlang, passierst die Tankstelle und hastest in einem durch bis zum Gastraum. Vollbremsung, Motor aus, warum geht der dreimal verfluchte Schlüssel nicht raus? Seitenständer. Tankrucksack. Ein Sprint durch das Blitzen und Krachen zur Tür des Restaurants.

ABGESCHLOSSEN?!?


Die haben zugemacht! um 23:00 Uhr ist da dicht! Wieso haben die keinen 24 Stunden Betrieb? Verzweifelt spähst Du durch die Glastür in den abgedunkelten Raum. Keine Menschenseele zu sehen. Also zurück zur Maschine, die leise protestierend vor sich hinknistert. Wohin jetzt?

Ah, an der Tanke brennt noch Licht. Richtig, der gute Mann kann ja seinen Laden nicht einfach schließen. Also wieder in den nassen Sattel, und zurück. Der Tankwart ist ein verständnisvoller Mann, und bei einer Tasse Automatenkakao wartest Du das Unwetter ab. So durch die dicke Scheibe betrachtet, mit einem heißen Getränk im Bauch scheint es gar nicht so schlimm zu sein, die Panik, die Dich noch vor wenigen Minuten durchströmt hat, scheint im warmen Kakao zu schmelzen.

Trotzdem bleibt ein leicht mulmiges Gefühl, als Du schließlich die letzten Kilometer bis zur heimischen Garage unter die Räder nimmst...

Zuletzt angepasst 05.02.2009 um 21:52

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