Die Rache der alten Dame

Geschrieben von Fraro (fraro) am 16.02.2009
Die Rache der alten Dame >>

An einem klaren, kalten Sonntag Anfang Februar sollte es endlich soweit sein. Die ganze Zeit war alles mögliche wichtiger oder das Wetter dermaßen schlecht, daß man nur mit Schwimmflügeln hätte fahren können. Aber nun wollten Molly, (meine 18 Jahre alte Suzuki) und ich die ersten gemeinsamen Kilometerchen des Jahres genießen.

Naja, ICH wollte zumindest. Molly war eingeschnappt, weil sie sich in der letzten Zeit etwas vernachlässigt fühlte. Sie war müde und maulig und hatte so gar keine Lust zu irgendwas.

Ich aber steckte -bereits in voller Montur- den Schlüssel voller Vorfreude ins Zündschloß. Die Mechanik klemmte schon ein bißchen. Dann eine Vierteldrehung auf "ON": Müdes Flackern und dann ersterben der Kontrollleuchten. Ich bin ja bis zum Aberglauben optimistisch, und drücke trotzdem auf den Startknopf.

Eisiges Schweigen. Nicht mal das Klacken irgendeines Relais oder das Tickern einer Spritpumpe oder irgendwas. Einfach NIX.
 
Aber man ist ja ausgerüstet. Ich habe kürzlich ein Überbrückungskabel mit extra kleinen Klemmen bei Polo gekauft, genau für diesen Fall. Triumphierend blicke ich Molly in ihr immer noch hübsches Gesicht. Ich bedeute ihr, daß ich sie mittels eines externen Stromstoßes zurück ins Leben zu befördern gedenke.
 
Gleich nebenan steht die jugendlich-frische Yamaha Fazer meiner Frau mit einem (hoffentlich) ebenso jugendlich-frischen Stromspeicher unter der Sitzbank. Ist also einfachste Übung! Schlüssel der Fazer holen, beide Bänke runter, Batterien freilegen, Kabel bereithalten- los geht's.

Höre ich da ein leises japanisches Flüstern zwischen den Motorrädern? Ich habe wohl Halluzinationen.

Schlüssel in die Fazer stecken, wieder eine Viertelumdrehung: Es ertönt das typische temperamentvolle laute Klackern der Benzinpumpe. Die Armaturenbeleuchtung funkelt mir munter entgegen. Etwas Choke geben, Startknopf drücken... 

...und mit einem abflauenden "JI!Ji! ji. Jou." stirbt die Batterie der Yamaha.

Mein Blick fällt auf den PKW der besten Ehefrau von allen.

Also: Molly aus der Garage schieben, wieder einen Schlüssel holen, den Polo der Dame des Hauses rausfahren, Haube auf, Batterie freigraben. Den Debrifilator an Mollys Eingeweide anschließen. Die beste Ehefrau von allen assistiert mir. Sie sitzt in Ihrer Limousine und gibt gefühlvoll etwas Gas.

Mollys Zündung einschalten: Die Lampen leuchten munter, hell und zu allem bereit. Starter drücken, 30 Sekunden lang bei vollem Choke orgeln- "WHOOUUMMM!" Da brüllt Molly los. Leicht ärgerlich, verschnupft und etwas hustend- aber sie läuft.
 
Alles wieder abbauen, Doris stellt ihren Polo wieder weg. Helm auf, Handschuhe an, Brille unter den Helm- es kann losgehen. Die ganze Zeit über brüllt Molly bei vollem Choke und knapp 3.500 U/Min im Stand vor sich hin. Und das am Sonntagmittag um 14:30 Uhr. Der mittagsschlafende Nachbar wird's mir danken.
 
Dann endlich aufsitzen. Choke etwas zurück, Kupplung ziehen, einen sanften Tritt nach unten auf den Schalthebel. Mit einem trockenen Krachen rastet der erste Gang ein. Langsam und vorsichtig rolle ich vom Hof. Unsere buckelige Straße hinunter, am Ende rechts.
 
Ich rolle sehr langsam aus unserem Wohngebiet heraus auf die Bundesstraße zu. Licht habe ich noch nicht angemacht, erstmal die Batterie laden lassen.
 
Auf die Bundesstraße will ich wieder rechts abbiegen, ich will eine Spritztour durch das nahe Teufelsmoor machen. Ich rolle auf die große Straße zu. Ich bin im dritten Gang. Kupplung ziehen, Runterschalten. Molly hustet schon wieder.

Ich bin gerade abgebogen, und bin im Begriff zu beschleunigen- da stirbt der Motor mit einem dezenten "umtz!" ab.

Scheiße.

Jetzt stehe ich an der Hauptstraße . Ich bin bis jetzt knapp 400 m gefahren. Ein hoffnungsvoller Druck auf den Anlasser (zur Erinnerung: Ich bin optimistisch bis zum Aberglauben): "Ji. Ji.. Ji... Trrrks." Nix. Sie will (noch) nicht. Kein Saft. -Dreckskarre!
 
Also die beste Ehefrau von allen anrufen, ob sie nochmal schnell Strom spenden kann. Sie kann und sie macht und sie kommt. Goldiges Mädel. Ich muß ihr unbedingt mal wieder Blumen kaufen.

Von vorne nähert sich ein Streifenwagen. Der Wagen stoppt, der Fahrer schaltet das Blaulicht ein und kurbelt die Seitenscheibe herunter. Ich mache gerade einen letzten Versuch, Molly doch noch wiederzubeleben. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

"Das hört sich nicht gut an!" - "Nee, hab sie abgewürgt und die Batterie ist leer." - "Hm. DA können sie aber nicht stehen bleiben!" Ruhig Blut Fraro. Jetzt nicht pampig werden "Wenn Sie ein Überbrückungskabel dabeihaben, dann bin ich in 30 Sekunden hier weg!" - "Nee, sowas haben wir nicht an Bord." - "Prima!" (sarkastischer Unterton). Ob ich das Motorrad nicht anschieben könne. Ich weise dezent darauf hin, daß mit mir obendrauf über 400 Kg anzuschieben seien, aber mit freundlicher Unterstützung der Beamten...?
 
Nee, können die nicht. Dein Freund und Helfer. Der Streifenwagen fährt wieder an, ich will gerade aufatmen, da sehe ich im Rückspiegel, daß das Auto wendet, zurückkommt und mit blinkenden Lämpchen auf dem Dach hinter mir stehen bleibt.

Die Beamten steigen aus und leisten mir ein wenig Gesellschaft, aber erst, nachdem ich Molly von der Straße runter durch einen aufgeweichten, matschigen Seitenstreifen auf den Radweg geschoben habe (allein).

Jetzt bietet sich folgendes Bild:

 
Auf dem Radweg steht ein Motorrad mit angesäuertem Fahrer. Daneben zwei wild sprechende und gestikulierende Polizisten, dahinter ein Streifenwagen mit Alarmbeleuchtung. Was fehlt noch?
 
Richtig: Neugierige Nachbarn!
 
Die müssen sich irgendwie verabredet haben und kommen jetzt allesamt mit dem Auto aus dem Wohngebiet gefahren: Mein ehemaliger Vermieter und der Typ, der nebenbei günstig Autos repariert, die distinguierte Dame von gegenüber, das ältere Ehepaarvon nebenan... alle schön langsam, damit sie alles sehen können. Ich winke kläglich und versuche, freundlich zu lächeln.

Irgendwann wird es den Polizisten zu langweilig und sie fahren weiter. Aber erst, nachdem mich die gesamte Nachbarschaft bewundern konnte.
 
Ich murmele noch sowas wie "...vielen Dank für's Anhalten!" und wende mich wieder Molly zu. Es kann ja nicht sein, aber ich schwöre: Das Motorrad grinst mich mit der Zufriedenheit gut geplanter und durchgeführter Rache an, nach der Devise "So. Das war dafür, daß Du mich zwei Monate lang nicht beachtet hast!"
 
Schon kommt meine Frau um die Ecke, und nach einer erneuten kurzen Stromspende läuft Molly wie ein junger Hüpfer und fräst mit mir ohne weitere Macken durch den kühlen Nachmittag...

Zuletzt angepasst 17.02.2009 um 21:39

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