Falsche Schlußfolgerung

Geschrieben von Fraro (fraro) am 16.03.2010
Falsche Schlußfolgerung >>

In den 90er Jahren lebte ich eine Zeitlang in der norddeutschen Metropole Hamburg. Dort ging ich unter anderem dem Beruf eines Schiffsausrüsters nach. Das sind Kaufleute, die die gewerbliche Seeschiffahrt mit allem versorgen, was zum Betrieb eines Schiffes dazugehört. Proviant, Ersatzteile, Tauwerk, Waschmaschinen, Pornovideos, Teppichboden, Zigaretten... es gibt kaum etwas, was ein Schiffsausrüster nicht besorgt.

In diesem besonderen Fall besuchte ich ein funkelniegelnagelneues ConPax-Schiff. Das ist ein Schiffstyp, der dafür gebaut ist, Container und Passagiere zu befördern. Die Besatzung bestand aus Russen, und der Dampfer war so neu, daß er noch nicht einmal getauft war. Ihr wißt schon, diese feierliche Veranstaltung mit der Sektflasche, die am Bug kaputtgeschmissen wird und der berühmten Spruch mit der handbreit Wasser unter dem Kiel.

Das Schiff war auf seiner Überführungsreise von seiner Bauwerft in Pusan/Korea nach St. Petersburg, seinem künftigen Heimathafen. Bei dem kurzen Zwischenstopp in Hamburg wurden nur einige Container abgegeben und übernommen; im russischen Bestimmungshafen sollte die Taufe feierlich nachgeholt werden.

Der Kapitän sagte mir, man habe einen neuen Radio-Officer (Funker) an Bord bekommen. Ob ich für den eine russische Uniform besorgen könne? Zur Taufe in St. Petersburg habe die Mannschaft Order bekommen, sich in vollem Wichs zu präsentieren, und in Rußland selber sei die zeit etwas knapp... "Klar, kein Problem!" (klingt komisch, ist es aber wirklich nicht. In Hamburg gibt es einen Laden für Arbeitsbekleidung, der auch die seemännischen Uniformen aller wichtigen Seefahrernationen am Lager hat). Welche Größe der Offizier denn habe? "Hm, das weiß ich auch nicht. Gehen Sie bitte doch mal runter und fragen sie ihn selbst, der Mann ist in seiner Kabine."

Der Funker guckte mich auf die Frage nach seiner Kleidergröße aber auch nur ratlos an: "Was meinen SIE denn? Welche Größe mag das sein?" Da war er bei mir gerade richtig, ich weiß gerade mal meine eigene Schuhgröße auswendig- mit Hemden, Hosen und dergleichen weiß ich auch nicht Bescheid.

Da kramte der tüchtige Mann ein Maßband hervor, und wir machten uns an die Arbeit. Ich vermaß den Kollegen von Kopf bis Fuß. Da ich keine Ahnung hatte (und bis heute nicht habe) welche Maße dabei wichtig sind, hatte ich nach dieser halbstündigen Prozedur ein ganzes, engbeschriebenes DIN A4 Blatt voller Daten. Ich hatte den Umfang über den Armen, unter den Armen, die Arme selbst (oben-mitt-unten), Kopfumfang, Länge des Nasenrückens... Es gab nur ein einziges, sehr privates Körperteil, daß ich nicht vermessen habe. Ansonsten hätte man den Herrn virtuell nachbilden können.

Mit diesem Zettel marschierte ich nun erhobenen Hauptes in den Laden. "Guten Tag!" – "...Tag!" – "Für diesen Herrn hier hätte ich gerne eine russische Funkeruniform." – "Kein Problem... ahahaha, SIE waren aber gründlich!" – und die freundliche Dame suchte die Sachen zusammen. "Schulterstücke?" – "ja bitte!" – "Auch Langbinder und Schuhe?" – "Alles!" Und so verließ ich das Geschäft mit einem großen Paket im Arm und überreichte dem Russen kurz darauf meine Beute.

"Das sieht ja toll aus. Darf ich es anprobieren?" – "Natürlich. Wenn es nicht passt, tausche ich es sofort um!". Und so schlüpfte der Seemann in sein neues Gewand.  "Äh, ich würde gerne mal sehen, wie es komplett angezogen aussieht, so mit Schlips und so..." – "Nur zu!" – "Ich kann aber keinen Krawattenknoten, wären SIE so freundlich...?"  Selbstverständlich. Nun kann ich Krawatten aber nur an meinem eigenen Hals binden, bei anderen Leuten kann ich das dagegen nicht. Also öffnete ich meinen eigenen Schlips, warf mir den des Russen um , zog die Schlaufe schön groß und warf dem Mann die Schlinge um den Hals. Paßt!

Der Radio-Officer drehte sich entzückt vor dem Spiegel und gab sehr zufriedene Laute von sich. "Ich zahle das gleich, ich will mir nur schnell meine alten Klamotten wieder überziehen, damit an die neue Uniform bis zur Taufzeremonie nichts drankommt!" Bittesehr- der Kunde ist König. In der Zwischenzeit wollte ich meinen eigenen Schlips neu binden.

Gerade in DEM Moment, als der Seemann seine Hose hochzog und ich meine Krawatte wieder band, ging die Kabinentür auf- ein Hafenarbeiter guckte rein und machte große Augen. Mit einem "Oh. Entschuldigung!" machte er die Tür sofort wieder zu. Er wollte offenbar zwei Herren, die sich gerade wieder ankleiden, nicht weiter belästigen.

Knapp zehn Minuten später erreichte ich wieder mein Büro. Sofort kam der Chef rein und fragte mit extrem süffisantem Grinsen "Sag mal... was genau MACHST Du eigentlich so, wenn Du an Bord bist?!"

 

 

Zuletzt angepasst 17.03.2010 um 11:30

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