Kurz nach Weihnachten

Geschrieben von Fraro (fraro) am 02.01.2005
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Irgendwann mag man's einfach nicht mehr. Nicht mehr diesen Geruch von Spekulatius, nicht mehr die allumfassende Liebe...Es gibt nur ein probates Heilmittel, um Weihnachten endgültig abzuschütteln: Eine schöne Ausfahrt mit dem Motorrad!
 
Heute morgen, acht Uhr. Du hast leider vergessen, den Wecker auszumachen, der Dich noch gestern rechtzeitig zur letzten Weihnachtsfeier der eben zuende gegangenen Saison scheuchte. Heute ist  der Weihnachtsmann endlich wieder dahin geflogen, wo er hingehört: Zum Nordpol. Geschenke sind verteilt, Geschenke sind empfangen worden. Helle Freude allerorten, geheuchelt oder wirklich empfunden- wer weiß   das schon?

Heute bist Du wieder Dein eigener Herr. Ein Blick aus dem Fenster bestätigt Dir, was ein goldener Strahl durch die Ritze des Rollos Dir schon versprochen hat: Der Himmel strahlt in seinem intensivsten Blau, die Sonne hängt als blasse Scheibe knapp über dem Horizont. Die Luft ist so klar, als wäre sie vor einer halben Stunde erst erschaffen worden.

Ein leises Blitzen vom Schlüsselbrett her: Ein Sonnenstrahl trifft den Bart des Mopeschlüssels. Er scheint Dir zuzuzwinkern. Du nimmst das Zwinkern auf, blinzelst zurück. Das abgewetzte Metall und der abgegriffene Kunststoff scheinen erleichtert aufzuatmen. Schnell eine   Dusche. Als notdürftiges Frühstück dient der Rest eines angebissenen  Schokoweihnachtsmanns, gestern Abend in der letzten Trägheit noch rasch und unbedacht seines glitzernden Gewandes und seines Kopfes beraubt.  Die klebrige Schokolade, die Du eigentlich nicht mehr sehen kannst, setzt sich zwischen Deinen Zähnen fest.

Dann der Sprung in Deine Klamotten. Wie kalt mag es sein? Egal, heute  willst Du das Wetter spüren, die Kälte, die klare Frische. Die  Longjohns bleiben im Schrank, ebenso der dicke Wollpulli, der seit dem letzten Ausritt im Frost noch auf dem Stuhl neben Deinem Bett  auslüftet. Den Helm. Er trägt noch die Spuren der letzten Regenfahrt. Die Handschuhe. Trotz der reduzierten Rüstung steigst Du die Stufen hinab wie ein schwarzer Ritter auf dem Weg zum Turnierplatz.

Da steht Dein feuerrotes Roß, hastig abgestellt nach dem letzten Einsatz, als Du nur noch rauswolltest aus den klammen, nassen Sachen. Du hast Dir seinerzeit geschworen, daß Du so einen Zirkus nicht mehr mitmachst. Du wolltest nur noch im Sommer fahren, wenn die Sonne lacht und der warme Wind durch das offene Visier um Deine Wangen schmeichelt. Jetzt ist Dir klar:
 
Du warst ein Narr.

Das Motorrad scheint leise zu seufzen, als Du den Zündschlüssel einführst. Eine Vierteldrehung, der Lenker ist jetzt frei. Noch eine Vierteldrehung, und die Lämpchen der Armaturen blinzeln Dich an. Die Benzinpumpe beginnt, unter leisem Klickern wie mit sachtem Herzschlag das Leben in die finsteren, kalten Eingeweide Deiner Schönen zurückzupumpen. Du sitzt aufrecht und locker im Sattel Deines treuen Gefährten, vor Deinem geistigen Auge ziehen noch einmal all die schönen Momente eines herrlichen Frühlings, eines bombastischen Sommers und grandiosen Herbstes vorbei.

Dein Daumen findet in seinem dicken Handschuh den kleinen Knopf gleich   unterhalb des Gasgriffs. Wie ein Debrifilrator bei Herzstillstand fährt der Stromstoß in den Anlasser, und unter leichtem Husten erwacht Deine Begleiterin zu neuem Leben. Deine rechte Hand streichelt den Gasgriff, leicht rumpelnd kehrt das Leben in die tiefgekühllten Innereien der Maschine zurück. Nur noch den Helm aufsetzen, das Visier offen wie einst der erwähnte Schwarze Ritter, der die lange Gerade auf seinen Gegner zureitet, die Lanze langsam zum entscheidenden Stoß senkend.

Ihr verlaßt die Einfahrt, Du und Deine kleine käufliche Freiheit. Ihr gleitet die Straße entlang. Dein Roß ist noch etwas müde, wie soeben aus tiefem   Schlummer erwacht. Es zittert in der Kälte, hustet und niest- doch langsam, ganz allmählich, kehren Wärme und Energie zurück.
 
Sie ist bereit für den Ausritt!

Scharf überholt Ihr den grauen Ford Focus mit dem Frankfurter Kennzeichen, dessen Insassen müde und verdrossen auf der Heimfahrt von der Oma im Norden sind. Eingesperrte sind sie, Sklaven der Konvention und der Gewohnheit. Der Kofferraum vollgestopft mit Kissen, Bettzeug und den kleinen Aufmerksamkeiten, die die Großmutter der wartenden Jungschar auf den Weg gab: Ein nagelneuer Schlips, eine weiße, schmucklose Bluse, eine Schachtel Weinbrandbohnen. Du schmunzelst, das alles läßt Dich heute völlig kalt.

Wiehernd steigt Dein Moped vorne auf, als Du mit kurzem, scharfen Gasstoß an der verdrießlichen Fuhre vorbeireitest. Jetzt liegt es vor Dir, dieses kleine Stück Freiheit- in Form einer gähnend leeren Landstraße, die sich in sanften Windungen dem großen Strome zuneigt.

In forscher Gangart folgst Du dem Verlauf der scheinbar endlosen Straße. Dein Motorrad neigt sich sanft erst auf die eine, dann auf die andere Seite,  während Ihr den Kurven auf einer sauberen Linie folgt. Der Wind beißt Dir ins Gesicht, die Wangen stechen wie von tausend Nadeln durchbohrt, Deine Augen leuchten mit der Wintersonne um die Wette. Wolltest Du nicht immer schon wissen, wo dieser einsame Waldweg eigentlich hinführt?
 
 
Heute ist der Tag, um das herauszufinden.

Auf einem Zaunpfahl rechts sitzt eine müde Eule, den starren Blick ins bleiche Gras gerichtet auf der Suche nach einem späten Imbiß. Wieder eine scharfe rechts-links Kombination. Deine Maschine giert nach diesen Kurven, wirft sich voller Enthusasmus hinein, springt auf der anderen Seite brüllend und mit voller Wucht wieder hinaus. So wie Du kann sie einfach nicht genug von diesem Gefühl bekommen, eins zu sein mit der Welt.

Dieses eine, große Gefühl, daß Dich immer wieder hinaustreibt in diese klare Frostluft, entgegen aller Vernunft und wider besseren Wissens:

...Das Gefühl zu leben.
 
 

Zuletzt angepasst 04.03.2009 um 19:29

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