Stiefeltanz

Geschrieben von Fraro (fraro) am 25.05.2009
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Eine der unangenehmeren Seiten des Motorradfahrens ist es, wenn während eines Ausritts Eiskristalle in der oberen Troposphäre als Kondensationskeime für die Ansammlung von weiteren Wassermengen dienen. Wenn diese dann aufgrund der Schwerkraft zur Erdoberfläche fallen, schmelzen sie aufgrund der Luftreibung und erhalten eine Tropfenform. Die allwissende Wikipedia bezeichnet das Phänomen auch als "flüssigen Niederschlag mit einer Tropfengröße von meist 0,6–3 mm".

 

Die Rede ist von hundsgewöhnlichem Regen.

 

Gegen den ist der Motorradfahrer, sagen wir es wie es ist, machtlos. Menschen flogen zum Mond, Menschen besiegten Cholera, Typhus, Pest und Pocken, Menschen bauen stadtähnliche Gebilde auf hoher See, Menschen fliegen mit vierfacher Schallgeschwindigkeit- aber auf zwei Rädern trocken durch einen sommerlichen Gewitterschauer zu fahren, das schaffen sie nicht.

 

Oh, sicher. Es gibt Regenkombis, Regenjacken und Regenhosen, Regenhauben, Capes, Helme, mikroprozessorgesteuerte Unterwäsche, atmungsaktive Socken und Verkleidungen aus Carbon und Kevlar. Aber seien wir ehrlich: Trocken bleibt man in alledem nicht.

 

Es beginnt meist eher harmlos und betrifft auch die selbsternannten Schönwetterasketen.

 

An einem schwülwarmen Sommertag besteigt der ahnungslose Motorradfahrer seine Maschine für eine schnelle Feierabendrunde auf der Hausstrecke, "weil es draußen noch so schön ist!". Die schwarzdunkle Wolkenwand taucht auch erst am Horizont auf, wenn Du etwa 75 Km von zuhause entfernt bist. Dann allerdings nähert sie sich mit annähernder Lichtgeschwindigkeit, und innerhalb von drei bis vier Minuten öffnet der Himmel seine Schleusen.

 

Wenn Du Glück hast, schaffst Du es vorher noch, Dich in die Kombi zu zwängen, die Du ja immer für den Fall der Fälle unter der Sitzbank spazieren fährst. Meistens ist es aber eher so, daß Du eine ausgiebige Kosten-Nutzen Analyse durchführst. Zunächst tröpfelt es nur ein wenig, dafür lohnt sich das Anhalten nicht. Dann wird der Schauer stärker, und Du flüchtest Dich in naive Phantasien á la "das geht gleich vorbei". Erst wenn die ersten Tropfen Deine Haut benetzen, erst dann fängst Du an, Deine Faulheit zu verfluchen. Du rettest Dich unter irgendeine Brücke oder einen großen Baum und beginnst mit der (h)eiligen Zeremonie des Kombianziehens. Dabei ist es ungeheuer wichtig, folgende Reihenfolge strikt einzuhalten:

 

- Fluchen.

- Anhalten.

- Motor aus.

- Sitzbank runter.

- Kombi rauszerren.

- Fluchen.

- Alle Klett- und Reißverschlüsse öffnen.

 

Und schließlich: Bein anheben zum so genannten "Stiefeltanz".

 

Der Stiefeltanz hat seine ganz eigene, feste Choreographie. Du kannst das auch sehr schön zuhause im Wohnzimmer aufführen. Dazu ziehst Du Dir möglichst dickes, unbewegliches Leder an, setzt Dir einen Helm auf und schlüpfst in Lederhandschuhe. Dann nimmst Du Dir ein dünnes Stück Nylonstoff, welches zu einem gerade noch über das lederne Wams passenden Schlauch vernäht ist. Als nächstes stellst Du Dich auf ein Bein, beugst Dich so tief es geht runter und beginnst mehr oder weniger auf der Stelle zu hopsen.

 

Aber schön im Takt!

 

Das angehobene Bein steckst Du in den Nylonanzug. Das leichtfeuchte Leder klebt an der Innenseite der Regenkombi fest. Auf Deiner Stirn sollten sich jetzt erste Schweißtropfen bilden. Wenn die Pelle jetzt irgendwann auf dem ersten Hacken baumelt, hebst Du das andere Bein an und hüpfst immer weiter. Führst Du den Stiefeltanz draußen im Regen auf, so gibt es immer besondere Haltungsnoten, wenn Du munter einbeinig von einer Pfütze in die andere  hüpfst.

 

Beim zweiten Fuß bleibt die Kombi am Absatz der Stiefel hängen. Daher setzt Du jetzt vorsichtig die bereits herausragende Stiefelspitze auf den Boden, der andere Fuß steht sicher auf. Mit beiden Händen fummelst Du jetzt, immer noch vorne übergebeugt, das widerspenstige Material über den Hacken. Gern gesehen wird in diesem Stadium ein puterrot angelaufenes Gesicht, rinnender Schweiß, der in den Augen brennt und keuchender Atem (verbunden mit dem allerheiligsten gedanklichen Schwur, etwas mehr auf die Linie zu achten).

 

Nun wird das ganze irgendwie in Richtung Körpermitte verteilt. Das dünne Material (hättest Du doch bloß die Kombi mit dem Netzinnenfutter gekauft, Du Geizhals!) klebt an der Lederhose fest und bildet ein eigenartiges, wurstähnliches Gebilde von besonderem ästhetischem Reiz. Das, was später eigentlich die Ärmel schützen sollte, liegt derweil am Boden in einem Wasserloch von der Größe des See Genezareth.

 

Endlich schaffst Du es, die Regenhaut mit ruckartigem Zerren auseinander zu bringen- und die Beine sind schon mal geschützt. Jetzt kommt die Kür. Du führst einen Arm in den mittlerweile klatschnassen Schlauch ein. Jetzt ist es wichtig, gleichzeitig mit einer Hand hinterrücks nach dem freien Ärmel zu tasten und den Oberkörper in bauchtanzartigen Windungen möglichst heftig zu verdrehen. Ist die freie Hand im Ärmel versenkt, muß das Gebilde noch über die Schultern gezogen werden.

 

Dazu bewegst Du die Schultern am besten so, als habe Dir jemand eine fiese Doris Juckpulver zwischen die Schulterblätter appliziert. Hin und her, rauf und runter, vor und zurück. In der Kür sind der Fantasie praktisch keine Grenzen gesetzt.

 

Unten an den Waden befinden sich oft noch Reißverschlüsse, die den Schlag der Hose verengen und somit das Flattern im Wind und das weitere Eindringen von Feuchtigkeit verhindern sollen. Diese gemeinen kleinen Dinger lassen sich aber so gut wie nie in einem gekonnten "zzzzzipp!" schließen, sondern müssen Millimeter für Millimeter am Innenfutter vorbeigeschummelt werden. Immer wieder verhakt sich das widerspenstige "Labyrinthsystem" (so hat es der clevere Verkäufer genannt) unter dem Zipper des Reißverschlusses. Kurz vor dem totalen Kollaps infolge steigenden Zorns und Blutstau im Schädel (schließlich arbeiten wir in dieser Phase wieder kopfüber) platzt aber der Knoten und der Reißverschluss ist zu. Naja, zumindest zu genug. Die letzten Zentimeter schenkst Du Dir, entweder gibt es noch ein fixierende Klettband oder die Stiefel müssen eben weitere eindringende Feuchtigkeit fernhalten.

 

Ein Hindernis gilt es aber noch zu überwinden: Der viereinhalb Meter lange, oft diagonal über den Körper verlaufende Haupteinstieg der oberen Hälfte muß noch versiegelt werden. Was im Laden noch einen bequemem Einstieg in voller Montur versprach, entpuppt sich draußen auf der Straße als ein Alptraum aus klemmendem Innenfutter, bockigem Schließer und klammen Fingern.  Ein geübter Biker schafft das Anlegen der kompletten Kombi übrigens in unter siebeneinhalb Stunden. Nur noch den Klett am Hals dichtmachen (damit es später, während der Fahrt, schön unter das Kinn piekst und hinten am Hals ordentlich kratzt!), und schon kann es weitergehen.

 

In strahlendem Sonnenschein übrigens, denn der Schauer ist weitergezogen. Da Du jetzt aber Deine Gummipelle trägst, können Deine Klamotten nicht trocknen und Du kochst fürderhin munter im eigenen Saft.

 

Ganz harte Kerle fahren schon zuhause mit angezogener Regenhaut los. Vor allem, wenn man fahren MUSS, um etwa eine Fähre zu kriegen, den Urlaub anzutreten oder die Erbtante an Ihrem Geburtstag zu besuchen. Bevorzugt wird diese Variante, wenn draußen schon scheinbar die Welt untergeht, bevor die Fahrt angetreten wird. In dem Fall ist das Tragen der unbequemen und lästigen Pelle aber fast ein Garant dafür, daß auch während einer Zweitausend-Kilometertour an einem trüben Apriltag kein einziger Tropfen Regen fällt. Die einzige Ausnahme von dieser ansonsten unerschütterlichen Regel bilden Tage, an denen derartig viel Wasser vom Himmel kommt, daß Du nicht einmal während einer 20 Kilometer langen Tour durch den Pfälzer Wald in einem für Polarexpeditionen konzipierten Trockentauchanzug mollige Füße behalten würdest…

 

Zuletzt angepasst 26.05.2009 um 19:51

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