Traue niemandem, der einen Pelz trägt!

Geschrieben von Fraro (fraro) am 28.01.2009
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Meine Freundin.

Mein Augenstern.

Er steht vor mir, und bemerkt mit ebenso glut- wie seelenvollem Augenaufschlag, daß er sich etwas zum Schmusen wünscht. Etwas kuscheliges, etwas zum liebhaben, hegen und umsorgen.

Ich runzele etwas irritiert die Stirn. Wortlos deute ich auf meine Person; schließlich dachte ich bis zu diesem Zeitpunkt, daß diese Stellenbeschreibung eigentlich genau auf mich, respektive meine Position in diesem Haushalt zutrifft. Wegwerfend deutet mein Schatz an, ich möge bitte nicht unsachlich werden und immer vom Thema abschweifen Ernsthaft beunruhigt hake ich nach, was denn der Gegenstand unserer kleinen Unterhaltung sei?  

Sie möchte ein Haustier, eine Katze. Eine kleine, verspielte, verschmuste Katze. Ich bin hellwach. Wenn ich jetzt nicht aufpasse und geschickt gegenlenke, habe ich bald noch ein Maul zu stopfen. Ich diskutiere. Ich argumentiere. Sachlich. Rational. Ich werfe mein gesamtes rhetorisches Gewicht in die Debatte. Meine Argumentationskette ist sowohl schlüssig als auch lückenlos, in sich nachvollziehbar und eigentlich kaum zu widerlegen.

Dann:

Ich stocke, erkenne, daß es bei dieser Aussprache von vornherein keinen verhandelbaren Ansatz gab. Stattdessen folgt meine Liebste dem –zugegebenermaßen- absolutistischen Grundsatz "Mein Wort ist Gesetz". Ich muß einsehen, daß wir an einem Punkt angelangt sind, an dem jedes weitere Wort zuviel wäre und breche die Verhandlung einseitig ab.  

Kurz darauf komme ich abends erschöpft von des Tages Last in mein gemütliches Zuhause. Der liebste Schatz der Welt liegt eingemummelt auf dem Sofa und sieht fern. Ich nehme einen kleinen, kalten Imbiß ein und setze mich dann dazu. Beiläufig werde ich in Kenntnis gesetzt, daß wir "einen neuen Mitbewohner haben". Ich bin alarmiert: "Was denn für einen Mitbewohner?" - "Einen ganz süßen Kater. Vier Jahre alt, ich war heute im Tierheim. Wir hatten das doch besprochen!"- ein vorwurfsvoller Blick ruht auf mir.

Ich wage einzuwerfen, daß wir zugegebenermaßen zwar das Thema kurz angerissen hatten, jedoch zu keinem endgültigen Ergebnis gekommen seien, und daß man mich doch wenigstens hätte fragen sollen. Eine liebevolle Hand streichelt nachsichtig meinen ergrauenden Schopf, und bemerkt (in einem Tonfall, der sonst nur gegenüber einem harmlosen Irren an den Tag gelegt würde), bis ich mich mal zu einer Entscheidung durchringe, wären Hauskatzen wahrscheinlich ausgestorben. Meine Entgegnung, daß ich durchaus eine Entscheidung getroffen habe, zumindest eine vorläufige, und daß diese in krassem Gegensatz zu den Tatsachen stünde, findet kein Gehör.  

Ich frage, wo sich das Tier denn aufhalte. "Er hat sich noch verkrochen, er muß sich erst eingewöhnen. Das dauert ein paar Tage."- Nachdenklich lehne ich mich im Sofa zurück. Zunächst noch widerwillig, später jedoch einsehend, daß ich mich mit der Situation zu arrangieren habe, beginne mich mit dem Gedanken anzufreunden, daß ein kleiner Stubentiger fröhlich miauend um meine Füße spielt, bevor er schnurrend auf meinen Schoß hüpft und sich hinter den Ohren kraulen läßt.

Bilder tauchen vor meinem geistigen Auge auf, wie ich, friedlich an meiner Pfeife nuckelnd und eine Zeitung in der Hand, dem lustigen kleinen Gefährten beim Herumtollen auf dem Laminatboden zuschaue. Ich schmolle nur noch proforma ein bißchen und beschließe dann, daß es Zeit ist für eine erste Kontaktaufnahme.  

Ich entdecke das Tier nach längerer Suche hinter einem Wohnzimmerschrank, der aus innenarchitektonischen Gründen schräg in einer Ecke steht. Ich luge über den Schrank- und da ist sie. Er. Es. Wir mustern uns mit einem schnellen Blick. In Bruchteilen von Sekunden fällen wir ein Urteil über einander. Der Kater und ich, wir wissen, daß dieser Augenblick entscheidend ist für unser künftiges Zusammenleben. Ich entscheide, daß er meinen Ansprüchen an einen Stubentiger genügen kann, und lächle Ihn milde an.

Er hingegen scheint meine Erkenntnis nicht zu teilen. Im nächsten Augenblick guckt er mich an wie eine Pfütze Erbrochenes in der Fußgängerzone nach dem Stadtfest. Während ich noch lächle, legt er die Ohren an, kneift die Augen zusammen, und faucht, knurrt, buckelt und versucht, einen alles in allem möglichst bedrohlichen Eindruck zu machen. Ich bin zwar irritiert, weiche aber nicht zurück. Er kriecht noch tiefer in seine Ecke, ängstlich darauf bedacht, immer die Deckung hochzuhalten und sich keine Blöße für einen eventuellen Angriff zu geben.  

Ich bin durchgefallen.

Mein Sonnenschein mault vom Sofa herüber, ich möge doch bitte das arme Tier in Ruhe lassen, es wäre doch noch alles fremd für ihn, er werde sich schon im Laufe der Tage aus seiner Deckung vorwagen. Ich bin mir zwar keiner Schuld bewußt, ziehe mich aber gehorsam auf den mir zugewiesenen Platz in der Halbrundgarnitur zurück.  

Sie scheint recht zu behalten, denn nachdem wir nahezu eineinhalb Stunden mehr oder weniger regungslos ferngesehen haben, wagt sich der Kater aus seinem Versteck, und beginnt, die Umgebung einer zögerlichen aber gründlichen Untersuchung zu unterziehen.

"Hallo Katerchen! Da bist Du ja! Na, mein Kleiner?" wage ich einzuwerfen. Das Tier bemerkt einen entsetzlichen Irrtum: Entgegen seiner ursprünglichen Annahme ist es doch nicht allein im Zimmer. Allen physikalischen Gesetzen zum Trotz zieht er sich mit annähernd Lichtgeschwindigkeit in seine Ecke zurück. Für diesmal sind offensichtlich alle Versuche einer freundschaftlichen Kontaktaufnahme gescheitert.  

Auch in den folgenden Tagen versteckt sich das Katerchen (von mir mit milden Rachegelüsten mittlerweile "Findus" getauft- eine Tatsache, die es mir so schnell nicht wird vergessen können) hinter dem Schrank. Der Kater verläßt sein Versteck nur, wenn er sich absolut sicher sein kann, keinem von diesen widerlichen, zweibeinigen Dosenöffnern zu begegnen (vor allem dem großen Dicken nicht). Er frißt und entsorgt sich nur Nachts. Immerhin verrichtet er beide Tätigkeiten an den ihm dafür zugewiesenen Orten- in den Augen seines neuen Herrchens immerhin ein Beweis für eine mögliche Sozialisierung.

Er hat sich auch eine neue Burg ausgesucht. Die Wohnlandschaft kommt seinem persönlichen Geschmack hier durchaus entgegen. Das Sofa ist eines jener fortschrittlichen Möbel, die ein einem eleganten 90° Winkel zum abendlichen Flezen einladen. Nachteil dieser Einrichtung ist ein verbleibender Freiraum jenseits der geschwungenen Lehne. Hier ist ein kleines Glastischchen plaziert, darauf stehend ein Topf mit ausladendem künstlichem Pflanzenbewuchs. Dank jenem ist er nunmehr auch von oben gegen neugierige Blicke gefeit.  

Der clevere zwangsweise Katzenliebhaber beschließt, daß es jetzt, nach immerhin einer Woche, endlich an der Zeit ist, daß auch der Miezekater nunmehr rege am Familienleben teilzunehmen hat. Er nimmt dezente innenarchitektonische Änderungen vor und entfernt Tischchen nebst Pflanze. Somit besteht keine Deckung mehr von oben.

Die Tiernahrungsindustrie, smarte zielgruppengerechte Marketingstrategien und geschicktes Productplacement haben mittlerweile für eine reichhaltige Palette an Katzenleckerli in unserem Haushalt gesorgt. Ich versuche, die Sympathie des Tieres zu kaufen, indem ich ihn langsam mit zahnfreundlichen Süßigkeiten vollstopfe. Allerdings hat Findus weder Respekt vor Sir Isaac Newton und dessen Masseträgheitsgesetz, und straft Einsteins gesamte Theorien bezüglich Masse-/Energieumwandlung Lügen.  

Der Kater bewegt sich mit einer Geschwindigkeit auf die ihm zugedachten Gaben zu, die jeden anständigen Meteoriten in der Atmosphäre verglühen lassen würde.

Ich sehe ein, daß wir so nicht weiterkommen, bin aber nach wie vor der Meinung, daß ich diese Undankbarkeit nicht verdient habe. Einen kurzen Besuch seinerseits auf der Katzentoilette geschickt ausnutzend, sperre ich das Vieh aus dem Wohnzimmer aus. HA! Jetzt wollen wir doch mal sehen.  

Die neue Lage blitzartig erkennend flüchtet sich unser Hausgenosse unter einen im Flur befindlichen Schrank, dessen lichte Höhe über Grund bei etwa sieben Zentimetern liegt. Während ich noch überlege, an welcher Stelle die Scharniere im Katzenschädel eingebaut sind (denn seinen Kopf kann er nicht durch den Spalt gezwängt haben), vernehme ich nur noch ein triumphierendes Fauchen.

Das reicht.  

Ich stürze in die Werkstatt, greife in aller Hast einige Holzreste , Spax-Schrauben und den Akkuschrauber, und verrammele alle verbliebenen Fluchtmöglichkeiten unter den 50er Jahre-Schränken im Flur ("die habe ich von meiner Patentante bekommen, die stellen wir auf jeden Fall auf, NEIN, DAS IST KEIN BRENNHOLZ!").

Ich motiviere meinen neuen vierbeinigen Freund mit ermunternden Worten und durch einige freundschaftliche Schubser mit einem Besen, seinen Bau zu verlassen. Sodann wird auch dieser Schrank fluchtsicher verbaut. In der Küche steht ein Kratzbaum, dessen Fuß eine flauschige Höhle bildet. Hierhin rettet sich dieses Ausbund an heiterer Gelassenheit.  

Hm. Dagegen kann ich fairerweise nichts unternehmen, denn dieses Möbel wurde zu eben diesem Zweck aufgestellt.

Wieder gehen einige Tage ins Land, dann kommt es zu einer dramatischen Wendung: Einen Moment der Unachtsamkeit ausnutzend, flüchtet sich das Tier wieder an seinen Stammplatz hinter dem Sofa. Es reicht. Dem setze ich jetzt ein Ende. Ich springe hinterher. Ich greife nach ihm, er zerfleischt in aller Freundschaft meinen Arm und beschließt, daß es Zeit ist für einen weitergehenden Rückzug. Findus quetscht sich jetzt halb hinter, halb unter das Sofa (befriedigt nehme ich zur Kenntnis, daß das Schädelscharnier für eine Flucht komplett unter das Sofa nicht ausreicht.

Dieses ist oben breiter als unten (der Möbeldesigner hat offensichtlich keine Haustiere), er ist also erst einmal sicher.  

In dieser Position, unerreichbar für meinen lieben Schatz und mich, legt er sich Pläne für einen Gegenangriff zurecht. Er muß erkennen, daß ich ihm körperlich weit überlegen bin. Aber er weiß instinktiv, daß er die besseren Nerven hat. Also beginnt er, unausgesetzt Töne zu erzeugen, die mich erkennen lassen, daß Geigensaiten wohl tatsächlich aus Katzendärmen gefertigt werden- und wie der Konstrukteur der ersten Geige auf die Idee kam, dieses ungewöhnliche Material zu verwenden. Ich muß meine Niederlage eingestehen, es ist ein klarer Punktsieg für die pelztragende Partei.

Der liebste Schatz von allen ist mittlerweile mit den Nerven runter und ruft die resolute Dame aus dem Tierheim an. Diese ist auch innerhalb weniger Stunden vor Ort. Sie rückt das Sofa einige wenige Zentimeter vor und beginnt, das Tier zu locken. "Findus! Komm mal her, mein Kleiner!" Der Satz ist noch nicht verhallt, da schmiegt sich dieses falsche, hinterlistige Stück Vieh in ihre Arme. Sie mustert ihn eingehend und mißtrauisch, stellt aber fest, daß keine offensichtlichen Mißhandlungen zu erkennen sind.  

Im Gegenteil, in unserer Obhut hat er sich prächtig entwickelt. "Du hast ja wieder richtig Fleisch auf die Rippen bekommen..." (Kein Wunder- Unmengen Katzendelikatessen und keine Bewegung.) "...und dein Fell glänzt so schön!" (Mit irgendwas muß man sich ja während der selbstauferlegten Einzelhaft beschäftigen. Womit sonst, wenn nicht mit Fellpflege?)

Sie erzählt uns noch des Katers traurige Lebensgeschichte, berichtet von einer Familie, die das arme Tier nach einem Umzug einfach zurückgelassen hat, von dem harten Leben in der freien Natur, daß daraufhin begann.

Wie alle kriminellen Subjekte so ist also auch dieses ein Opfer seiner schweren Jugend. 

Im Laufe der nächsten zwei Wochen beginnt sich das Verhältnis Mensch/Kater langsam zu normalisieren. Beide Konfliktparteien haben ihre kleinen Triumphe errungen, man beginnt sich zu arrangieren. Der Kater läßt sich von meinem Schatz willig anfassen und streicheln (wer nicht?), mir gegenüber tritt Nichtachtung an die Stelle offener Aggression.

Jetzt beginnt ein ganz anderes Kapitel: Das Tier möchte nach draußen.  

Tagelang schaut es maunzend und seufzend aus den großen Glastüren, die auf die Terrasse und in den Garten führen. Mein Schatz nimmt ihn zunächst auf den Arm, um ihn mit seiner neuen Umgebung vertraut zu machen. So drehen sie einige Tage lang ihre Runden im Garten- das ganze erinnert mich im nachhinein an den täglichen Hofgang in Strafvollzugsanstalten. Wenn man vor einem Insassen einer solchen Anstalt plötzlich das Haupttor öffnet, und ihn ermuntert, sich in der Welt da draußen ein wenig auf eigene Faust umzusehen, dann ist das Ergebnis vorauszusehen.

Ähnlich war es in diesem Fall (die Analogien werden nicht alle). Mit einem Blick, der scheinbar sagt: "Na, das war ja einfach!" verschwindet das Tier auf Nimmerwiedersehen.

Zuletzt angepasst 05.02.2009 um 22:35

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