Two persons, two motorcycles - Teil II

Geschrieben von Fraro (fraro) am 08.11.2009
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Freitag, 29.07.2005 - 5. Tourtag: Von Steinkjer nach Trondheim

Hach, heute haben wir es schön ruhig angehen lassen. Die Sonne scheint warm auf unser Lager. Wir haben lange geschlafen und werden von Wärme und Insektengesumm sanft geweckt. Ganz langsam kriechen wir aus unseren Zelten, werden ganz allmählich wach und frühstücken ausgiebig und in aller Ruhe. Unsere heutige Etappe beträgt um die 130 Km, wir wollen noch einen kleinen Umweg einbauen um der malerischen Küstenlinie zu folgen und werden abends etwa 160 Km gefahren sein. Das ist auch bei den hiesigen Geschwindigkeitsvorschriften (an die wir uns immer noch sklavisch halten) locker zu schaffen.

Nachdem unsere gesamte Ausrüstung im Sonnenschein durchgetrocknet ist, machen wir uns gegen 13:00 Uhr gemütlich auf den Weg. Wir folgen zunächst weiter der E6. Wir fahren noch den geplanten Umweg und finden diese Straße dann kurz vor Trondheim wieder. Hier ist sie autobahnähnlich ausgebaut.

Wir lernen ein neues norwegisches Wort: "Bomvej". Das heißt auf Deutsch: Mautstrecke. Ganz Trondheim ist systematisch von Mautstationen eingekesselt. Wir gucken ein wenig ...nunja... sparsam, denn Mautgebühren sind in unserer Berechnung des Bargeldbedarfs nicht vorgesehen. Doch die Wikinger haben ein Herz für zweirädrige Touristen: Motorräder sind nicht mautpflichtig! Es dauert ein bißchen, bis wir die entsprechenden norwegischen Schilder richtig deuten, aber wir brauchen tatsächlich nichts zu bezahlen! Das läßt uns unter den Helmen schmunzeln.

Ein Traum heute: Das Wetter. Nachdem wir bei leichter Bewölkung gestartet sind, zieht sich der Himmel im Laufe des Tages immer weiter zu. Die Wolken hängen immer tiefer und werden immer dunkler, weite teile der Tour bestzreiten wir deshalb in unseren Regekombis- aber es bleibt knochentrocken. Nicht ein Tröpfchen Regen benetzt uns oder die Maschinen. Gegen Abend klart es wieder auf, und wir errichten unser Lager bei nur noch leicht bedecktem Himmel.

Markus hat Urlaub!

Wir beziehen Quartier auf einem Campingplatz bei Heimdahl, ca. 10 Km südlich von Trondheim. Der Campingplatz ist nicht nur besonders hübsch angelegt, sondern auch sehr preiswert. Für "two persons, two motorcycles, tent" zahlen wir nur 100 Nökse, zudem hängt neben der Dusche kein Groschengrab. Das war in z. B. Steinkjer ganz anders. So langsam haben wir Übung im Lageraufbau: Nach nicht mal einer Viertelstunde stehen Zelte, Tisch und Stühle, und das Teewasser dampft schon auf dem Kocher.

Hinter uns steht ein riesiges Wohnmobil mit Österreichischem Nummernschild. Dessen Besitzer staunt nicht schlecht, wieviel Komfort man in den Packtaschen zweier Motorräder befördern kann. Wir machen uns schnell ein Süppchen heiß und legen kurz die Füße hoch. Heute abend wollen wir nach Trondheim reinfahren, und zwar ohne das ganze Gerödel am Motorrad. Wir bitten unseren neuen Freund aus den Alpen, einen Blick auf unsere Zelte zu haben und machen uns auf den Weg.

Molly und Jeanette, GSX und Fazer, danken es uns, daß wir sie einmal ohne Sturmgepäck spazieren führen. Sie laufen wie die Glöckchen und es fällt uns sehr schwer, die Tempovorschriften zu beachten. Nach der langen Strecke im vollen Ornat ist das Handling der unbepackten Maschinen ähnlich spielerisch wie bei einem Damenrad.

In Trondheim angekommen parken wir unsere motorisierten Begleiterinnen am Straßenrand und machen uns zu Fuß auf den Weg in die Innenstadt. Dort sieht es aus wie in 1.000 anderen Innenstädten auch: Glas, Beton, Granit- und mit Bennetton & Co. auch dieselben Filialisten- alles wie in Bremen, Hamburg oder Hannover- langweilig.

Die Fußgängerzone besichtigen wir gleich zweimal: Gleich an deren Anfang haben wir uns ein nettes, kleines Eis gegönnt. Schlürfend und schleckend bummeln wir weiter. Markus kämpft ein bißchen, denn in einer Hand hat er seinen Tankrucksack, seine hand hat der durch den Helm geführt und mümmelt an seinem Eis. Ich dagegen habe in der linken Hand nur den Tankrucksack (samt Portemonnaie, Kamera und Papieren), die rechte habe ich frei für mein Naschwerk.

Markus fällt es als erstem auf: "Wo ist eigentlich Dein Helm?" - "Äh... bei dem Eisonkel, wieso?" antworte ich- und schon sind wir auf dem Rückweg. Glücklicherweise liegt mein Sturzhelm immer noch genau da auf dem Tresen der Eisbude, wo ich ihn eine Viertelstunde vorher hingelegt hatte. Puh! Für Markus ist dise begebenheit sein persönlicher kleiner Sonnenstrahl: Den ganzen Abend muß ich mir nun seine Lästereien gefallen lassen...

Nachdem wir das Ende der Bummelmeile erreicht haben, finde ich auch den Elch, den ich für Petra, eine Freundin aus Hessen, unbedingt mitbringen soll. Ein pelziges Plüschtier mit gestricktem Norwegerpulli.  

Wir werfen auch einen kurzen Blick in das Einkaufszentrum- der lohnt sich aber nicht. Sieht ganauso aus wie zuhause. Wir albern nur ein wenig herum und setzen uns vor einem Teenie-Laden gegenseitig alberne Hüte auf.

Nun sind wir schon eine knappe Woche in Norwegen unterwegs, und ernähren uns hauptsächlich von Hot Dogs (die es hier für schmales Geld frisch zubereitet an jeder Tankstelle gibt, mit Soßen nach Wahl), aus der Dose oder aus der Tüte. Nun wollen wir es einmal mit der typisch norwegischen Küche probieren, und wir nähern uns leicht befangen diesem Eingeborenen-Lokal im Herzen Trondheims:

Ein ...nunja... norwegisches Restaurant.Hey, es IST in Norwegen, oder?!

Wir wissen ja nicht, ob uns das norwegische Essen schmecken wird. Aber wir durften dann feststellen, daß man in Norwegen genausogut ißt wie z. B. in Osterholz-Scharmbeck. Wir sind zufrieden!

Pappsatt verlassen wir die gastliche Stätte und hängen ein wenig am naheliegenden Platz herum. Zu träge, um weiterzulaufen oder zu den Motorrädern zurückzuschlendern. Markus vergewissert sich noch ein paarmal, daß ich meinen Helm nicht bei McDonald's liegenlassen habe.

Sehr gut gefallen uns die Sehenswürdigkeiten , die es in Trondheim anzuschauen gibt.  Um es gleich zuzugeben: Wir haben weder den Nidarosdom gesehen, noch die nördlichste Synagoge oder den Stiftsgården, eines der bedeutendsten klassischen Holzbauwerke Skandinaviens. Wir sind zwei alleinreisende junge Männer (und ich bin sogar solo), die erst eine Woche lang mit 27 anderen Männern auf einem Seeschiff eingesperrt waren und die sich anschließend eine Weitere Woche durch eine der einsamsten Gegenden Europas geschlagen haben. Unser Augenmerk richtet sich daher auf andere Sehenswürdigkeiten:

Ganz Trondheim ist anscheinend nur bevölkert von atemberaubenden Blondinen mit elend langen Beinen, knackigen Ärschen und großen, festen Brüsten. Tut mir leid, liebe weibliche Leserschaft: Es mag ja chauvinistisch sein und alles, und ich werde nach unserer Rückkehr eine Kerze vor einem radikalfeministischen Frauencafé anzünden- aber Markus und ich haben eine halbe Stunde lang einfach nur am Rande dieses Platzes im Schatten unter einem Baum gesessen, Mädels angeguckt(diskret!), uns unkeusche Gedanken gemacht und gesabbert.

Frauen sind was wunderbares!

Ansichten in Trondheim: Männer werden verstehen, warum wir plötzlich keine Lust mehr hatten auf Dom, Synagoge und die Holzhütte von Harald Fünf . Frauen dagegen werden uns verachten und in einem zickig-hohen Tonfall sagen "typisch!". Und dann werden sie die Augen verdrehen.

Zurück im Lager beraten wir den weiteren Streckenverlauf. Ich habe zwischenzeitlich mit einer befreundeten dänischen Reederei telefoniert. Es sieht so aus, als wenn Ende der nächsten Woche in Jelsa die "Sandnes" oder ihre Schwester, die "Stones" für Bremerhaven laden. Evtl. auch die "Steines" für Cuxhaven (die Schiffe heißen tatsächlich so!).

Der Weg über Schweden und die Belt-Brücke ist vom Tisch. Das ist einfach zu weit und damit auch zu teuer. Außerdem könnte ich für Mollys Hinterreifen wohl jetzt schon in den Knast kommen. Zumindest würde das Restprofil bei einem guten deutschen Polizisten für Schnappatmung sorgen. Der Polizist, der mich seit Reiseneginn begleitet, spart auch nicht mit entsprechenden Kommentaren.

Falls wir kein Schiff von Jelsa bekommen, wollen wir die Fähre Kristiansand-Hirtshals nehmen. Das spart gegenüber der Route via Schweden rund 1.500 Km. Aber unsere Chancen auf eine Fahrt von Jelsa aus stehen gut- Montag erfahren wir mehr.

Onkel Fraros Märchenstunde: Vor dem Schlafengehen lesen Markus und ich und gegenseitig unsere Tagebucheinträge vor.

Wir gehen heute ziemlich zeitig schlafen, morgen wollen wir wieder einen Meilen-Tag einlegen. Falls machbar, wollen wir die rund 500 Km bis an den Geirangerfjord schaffen. Dort planen wir einen Tag Aufenthalt ein (zwei Übernachtungen), anschließend soll es weitergehen nach Bergen.

[Die aufmerksame Leserschaft wird versucht sein einzuwerfen: "Hä? Wieso 500 Km? Von Trondheim nach Geiranger sind es doch nur knapp 330 Km? Ich habe das extra im Routenplaner nachgeguckt!" - "Ja, das mag sein," entgegne ich diesen Leser(inne)n, "aber wir wollen auch nicht direkt fahren!"]

Mal gucken, wie's so kommt!

Trondheim: So dunkel, wie man anahand des Fotos glauben könnte, wird es auch in trodheim um diese Zeit nicht. Eher sowas wie eine etwas fortgeschrittenere Dämmerung bricht abends an.


 Samstag, 30.07.2005 - Sechster Tourtag: Trollstigen und Geiranger

Markus und ich haben gestern Abend lange über den Karten gebrütet. Der kürzeste Weg nach Geiranger führt über zahllose Fjorde und somit über ebenso zahllose Fähren. Da wir permanent klamm sind, entscheiden wir uns für den Weg durch die Berge. Wir sind jetzt tagelang der Küstenlinie gefolgt, und es war großartig. Nun wollen wir noch erforschen, was Norwegens Bergwelt für Überraschungen bereitshält. Von unserer Freundin in Bodø haben wir erfahren, daß wir auf dem Weg nach Geiranger unbedingt den Trollstigen und den Adlerpaß mitnehmen sollen.

Von beiden haben wir noch nie was gehört (Reisevorbereitung heißt bei Markus und mir nur, genug Lebensmittel einzukaufen und das Zelt nicht zu vergessen!), aber das was die Dame uns erzählte, klang verheißungsvoll.

Der Tag fängt toll an: Wir werden von der Sonne wachgeküßt! Okay, nicht direkt wachgeküßt, sondern vielmehr heizt sie unsere Zelt derart auf, daß nicht mehr an Schlaf zu denken ist. -Klasse! Die Nacht war etwas feucht, aber wir bauen bei prallem Sonnenschein ab- und bis wir alles verpackt haben, ist unsere Ausrüstung komplett getrocknet.

Norwegen von seiner zauberhaften Seite

Unser Tagesziel heißt Geiranger, eine Kleinstadt am gleichnamigen Fjord. Die landschaft wird südlich von Trondheim allmählich lieblicher. Wunderschöne Waldstrecken wechseln sich mit schroffen Felsformationen ab, die steil zum Meer (zu den Fjorden) abfallen. Unsere bisherige Erfahrung bestätigt sich immer wieder: Hinter jeder Kurve lauert eine neue Überraschung.  Wir fahren stundenlang, ohne einer Menschenseele zu begegnen. Die Landschaft ändert ihren Charakter allmählich von karg und felsig zu lieblich und grün. Statt schroffer Felsen und irrwitziger Klippen durchfahren wir jetzt Wiesen und Wälder, die ein wenig an die Alpen erinnern. Nur daß sich in den Tälern keine Dörfer befinden- sondern Seewasser. Das Wasser ist immer von tiefgrüner, etwas unheimlicher Farbe- und es ist so klar wie eine Glasflasche.

Eine Fähre über einem Fjord (den Namen habe ich vergessen)

Auf der ersten Fähre (wir werden heute mit zwei Fähren unterwegs sein) ziehen wir wieder unsere Regenkombis über, denn der Himmel verdunkelt sich zusehends- und wir wollen wenigstens einmal rechtzeitig in die Gummiklamotten steigen. Geregnet hat es dann den ganzen Tag nicht (wahrscheinlich weil wir eine zeitige Prophylaxe betrieben haben), aber trotzdem waren wir froh über die winddichte Kleidung, denn auf einigen Pässen ist es erbärmlich kalt.

Zum ersten (und, wie sich später rausstellen wird, einzigen) mal während unserer Tour habe ich uns heute in die Irre geführt. Ich habe ein Schild falsch gelesen. Der Umweg führte uns durch ein sehr reizvolles kleines Tal in ein pittoreskes Fischerdörfchen, insofern war es nicht wirklich schlimm. Aber plötzlich standen wir auf einem Wendeplatz vor einem kleineren Fjord, und es ging nicht mehr weiter. Da wir den Weg wieder zurückfahren mußten, habe ich die Videokamera wiederum mit Panzerband auf den Tankrucksack geklebt und die schöne Strecke gefilmt.

Ende im Gelände: Hier geht es nicht weiter. Nun hilft nur der intensive Blick in die Karte.

Die Aufgabenteilung des Filmens und Fotografierens ist übrigens der Grund dafür, warum hier hauptsächlich Bilder mit mir zu sehen sind, und nur wenige, auf denen die geneigte Leserschaft meinen Reisegefährten bestaunen kann: Während ich die bewegten Bilder auf Video aufnehme, ist Markus für die Fotos zuständig. Ab und zu tauschen wir zwar, so daß einige Aufnahmen von Markus vorhanden sind, aber auf den meisten Bildern bin ich alleine. Umgekehrt gibt es dafür viel Videomaterial, auf dem sich Markus tummelt, ich bin dagegen kaum vertreten.

Durch eine lichte Waldlandschaft, wie sie malerischer kaum sein kann, durchzogen von Wildbächen und frischem Grün nähern wir uns dem Trollstigen. Wir machen eine ausgiebige Pause an einem der Bäche. An dieser Stelle lasse ich einfach einmal ein paar Bilder sprechen.

Jetzt wollen wir ein paar Filmaufnahmen von uns selber machen. Zunächst gehe ich ein paar Schritte vor und postiere mich hinter einer Serpentine. Markus fährt auf Jeanette einige 100 Meter zurück, und ich filme ihn dabei, wie er durch die Kehre segelt. Der Plan ist, das anschließend Markus die Kamera übernimmt und mich bei derselben Aktion filmt. Es geht uns nicht um verschärfte Actionmovies mit wahnwitziger Schräglage, wir wollen einfach einmal eine andere Perspektive in den Film bekommen.

Nachdem der Schuß mit Markus im Kasten ist, wende ich mich meiner Molly zu- da hörte ich hinter mir ein gräßliches, krachendes Geräusch sowie einen lautstarken Ausruf, den ich an dieser Stelle aus Jugendschutzgründen nicht wiedergebe.

Was war passiert?

Markus hat die Kurve laut im Drehplan durchfahren. Anschließend wollte er auf der recht steilen Bergstrecke wenden und zurückkommen, um mich zu filmen. Dabei hat er die Schwierigkeit unterschätzt, ein vollbeladenes Motorrad mit den Zehenspitzen in der Balance zu halten. Auf der bergwärtigen Seite der quergestellten Maschine hat er die volle Kraft seines rechten Beins zur Verfügung, aber auf der talwärtigen Seite der stark abschüssigen Straße berührt er den Boden wirklich nur mit den Zehenspitzen (und das trotz seiner beeindruckenden Größe von rund 1,90 m). Dann noch einmal kurz an der Vorderradbremse gezupft- und schon liegt die Fuhre auf dem Asphalt.

Markus schimpft und flucht lauthals, zumal aus der leicht über Kopf liegenden Maschine so langsam das Benzin rauströpfelt. Außerdem: Niemand sieht seinen Feuerstuhl gerne auf der Seite liegen. Die motorradfahrenden Leser(innen) werden das nachvollziehen können. Gemeinsam wuchten wir das Fahrzeug wieder auf seine Räder und inspizieren den Schaden. Aber außer einem kleineren Kratzer am Deckel der Lichtmaschine ist nichts passiert- vor allem aber Markus nicht, das war zunächst meine größte Sorge.

Letzterer ist RICHTIG sauer. Er hadert mit sich und seinem Schicksal. Er will sogar einen neuen Deckel kaufen, oder den jetzigen zumindest lackieren lassen. Ich versuche ihn zu beruhigen: "Das sind Kampfspuren, die trägt man mit Stolz und Würde!" - aber davon will er nicht wirklich was wissen. Zumindest derzeit nicht.

Nachdem auch meine Kurvendurchfahrt im Kasten ist, folgen wir weiter der Strecke, die uns wenig später zur Einfahrt in den Trollstigen führen wird. Als wir am Fuß des Passes ankommen, machen wir wieder eine Pause und holen erstmal tief Luft. Beim Anblick der Strecke und des Panoramas bleibt uns die Spucke weg. Das hier ist die Aussicht (oder zumindest ein Teil davon), die sich uns bietet:

Der Trollstigen von unten, hier die Brücke über den Wasserfall 'Stigfossen'.

Die Fotos sind im Vergleich zur Wirklichkeit einfach jämmerlich. Mit unseren Mitteln und Fähigkeiten können wir den Paß und sein Umfeld nicht einfangen. Ich zitiere hier jetzt einmal wörtlich aus dem Reisetagebuch, das gibt unsere Eindrücke am besten wieder:

"(...) weiter den Trollsteig hinauf wurde das Fahren fast kriminell. Anhalten konnte man praktisch nirgends, einmal losgefahren mußten wir die schmale Straße in einem Zug bewältigen. Das war einer der wenigen Momente, in denen ich beim Motorradfahren außer Atem geraten bin. Aber Herrgott- was für eine Landschaft! Wilde, ungezähmte Bäche stürzen sich aberhunderte von Metern in die Tiefe. Schroffe, zackige Gesteinsformationen scheinen zu versuchen, den Himmel aufzuschlitzen. Der Blick reicht weit in das Tal hinein und über andere Gipfel hinweg. Überall liegen noch Schneereste, vor knapp vier Wochen war der Paß noch wegen Schnee gesperrt.

Den ganzen Tag, so erzählte uns eine Angestellte aus einem Andenkenladen , sei das Wetter dort oben  scheiße gewesen, sehr neblig und kalt. M. und ich haben mal wieder richtig viel Glück."

Trollstigen von oben. (Quelle: Wikipedia.de)

Oben auf der Höhe sieht das Gebiet plötzlich still und friedlich aus.  Es gibt einen großen Parkplatz, einen Souvenierladen und ein Café. Ein eiskalter, breiter und tiefer Bach sucht sich seinen Weg.

Oben am Trollstigen: Dieser Bach wird sich gleich über die Klippe stürzen

Spektakulär wird es erst, wenn der Bach über die Klippe springt, dann verwandelt er sich augenblicklich in einen reißenden Wasserfall. Und bei einem Norwegischen Wasserfall handelt es sich auch um fallendes Wasser. Der "Stigfossen" fällt über 300 Meter ins bodenlose NICHTS. Eben war da noch ein Bachlauf- und dahinter auf einmal nur noch leere Luft. Einmnal mehr bleibt uns die Spucke weg.

Der Autor am Abrund: Hier stürzt das wasser rund 300 m in die Tiefe.

Markus und ich machen eine ausgiebige Pause. Hinter dem Paß wird die Straße etwas lieblicher. Sie schlängelt sich in sanften Kurven wieder Talwärts. Auf dieser Seite gibt es keine Serpentinen, der Bergrücken bildet eine Art sanfte Rampe. Dieses Geläuf ist wie für meine Molly gemacht. Mein Motorrad ist ein Tourendampfer mit langem Radstand und der Beweglichkeit eines Kieslasters. Mit mir obendrauf und dem ganzen Urlaubsgerödel dürfte es fast eine halbe Tonne sein, die sich da talwärts stürzt (aber ohne zu stürzen). Für solche Strecken hat es der Designer designt; Molly und ich schwingen ruhig und gleichmäßig nach unten. Selten hat mir eine Strecke soviel Spaß gemacht!

Doch der nächste Paß streckt bereits seine felsigen Krallen nach uns aus: Wir erreichen den Adlerpaß. Oben am Scheitelpunkt machen wir wieder eine Pause, bevor wir uns an den steilen Abstieg machen. So ganz allmählich geht uns beiden die Puste aus, wir werden müde. Markus hat mit seiner wendigen und wieselflinken Fazer weniger zu kämpfen, aber die heutige Tour ist auch für ihn sehr anstrengend. Wir stellen die Maschinen auf einem kleinen geschotterten Platz neben der Straße ab. Zwischen den Bäumen hindurch schimmert grünes Wasser. Wir wollen mal gucken, was es da zu sehen gibt, schlagen uns in die Büsche- und wieder einmal völlig unvorbereitet überwältigt uns ein fantastisches Panorama:

Wir haben um 21:00 Uhr den Geirangerfjord erreicht.

Mir gehen allmählich die Superlative aus, wenn es um die Beschreibung der Landschaft respektive unserer Eindrücke geht. Das Reisetagebuch gibt auch nicht viel her: Ich finde lauter Einträge, in denen es "überwältigend", "atemberaubend", "fantastisch", "unglaublich" und ähnlich einfallslos-schwärmerisch tönt.

Markus und ich sitzen wieder auf und stürmen den Adlerpaß hinunter. Gleich der erste Campingplatz ist unser. Natürlich ist der Besitzer längst nach hause gegangen, aber Anruf genügt: "Two persons, two motorcycles, tent!" - "Alles klar. Sucht Euch irgendwo einen Platz, baut Euer Zeug auf und kommt morgen im Laufe des Tages bitte mal bei der Anmeldung vorbei!".

Die Norweger sind da etwa entspannter als die Deutschen- hierzulande ist ja jeder Campingplatz streng parzelliert- und wehe, man verirrt sich auf des Nachbarn Platz! Aber ein ausgeprägtes Revierdenken scheint den Nachfahren der Wikinger eh nicht so in die Wiege gelegt worden zu sein. Man sieht auch wenig Zäune und Hecken. Vielleicht liegt es einfach daran, daß das Land so dünn besiedelt ist.

Wir haben gegen 22:00 Uhr aufgebaut. Obwohl wir rechtschaffen müde sind, machen wir uns noch eine Büchse Labskaus warm. Nachdenklich sitzen wir vor unseren Zelten, mümmeln unseren Eintopf rein, genießen die laue Abendluft und reden wenig. Wir sind beide gamnz erschlagen von dem, was wir heute erlebt haben- und Markus kaut zudem noch an seinem Crash herum.

Das Wetter ist viel milder geworden. Den ganzen Tag über war es ziemlich frisch, und vor allem oben auf den Pässen war es schneidend kalt. Doch nun ist es warm und friedlich. Der Fjord schimmert leise in der untergehenden Sonne. Zum ersten mal, seit wir in Narvik gestartet sind, wird es wieder richtig dunkel, und wir müssen eine Lampe anmachen.

Die ruhige Atmosphäre bestätigt uns darin, daß es eine gute Entscheidung ist, noch eine Nacht länger hierzubleiben, und wir freuen uns, heute Abend einfach alles mal liegenlassen zu können. Abwaschen können wir auch morgen noch, und auch unsere Lebensmittel müssen wir nicht sofort wieder transportfertig verpacken.

Morgen ist auch noch ein Tag!


 

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Zuletzt angepasst 15.12.2009 um 08:57

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